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Hans Georg Bulla
La mia Venezia non
sprofonda
Mein
Venedig versinkt nicht
Peter Marggraf und die San Marco
Handpresse

Kreuzgang San
Stephano, venezia (Foto: Peter Marggraf)
Steigen Sie mit mir in eine Gondel
und sagen mir, wie sehr Ihnen der Anblick von der Mitte der Lagune
aus gefällt. Da ist der Markusplatz auf der einen Seite;
viele Leute sieht man, und die Kapelle von 50 Soldaten spielt
Walzer für sie. Jemand schiebt sich durch die Menge, recht
unwillig und gegen den Strom, schwarz gekleidet ist er, eine
Mappe unter dem Arm, einen Skizzenblock. Keinen Blick hat er
für das Café Florian.
Am Ende des Markusplatzes sehen Sie San Marco. Am Eingang werden
Sie einen Mann finden, der Puppen und Spielzeug verkauft, und
einen anderen, der Wachskrippen mit der Heiligen Familie und
zwei Schäfern, zwei Affen und den Heiligen Drei Königen
feilhält. Gehen Sie hinein, und Sie hören Gefiedel
und Trompeten, Sie sehen brennende Kerzen, und da ist eine Frau,
die in der Ecke vor einer schwarzen, mit einem Seidengewand und
einem großen Fächer ausgerüsteten Statue betet.
Beobachtet werden beide, Statue und betende Frau von jenem Schwarzhaarigen;
Künstler ist er, da können wir uns schon sicher sein.
Er fixiert sie, aber Stift und Papier läßt er an ihrem
Platz. Er geht hinaus, auf die Piazetta, wo die beiden Säulen
stehen, die des Hl. Theodor und die mit dem Markuslöwen.
Bei der bleibt er stehen, äugt hoch zu jenem Tier, halbe
Chimäre noch, gegen das Licht des Lagunenhimmels. Er vermeidet
es, wie jeder Venezianer, zwischen den beiden Säulen hindurch
zu gehen, San Marco und San Todaro, stand dort doch in vergangenen
Zeiten das Podest für die Hinrichtungen, jetzt taucht er
im Strom der Menschen auf der Riva degli Schiavoni unter, wir
verlieren ihn aus den Augen.
Lassen Sie uns ein wenig weiter rudern, und schon befinden wir
uns zwischen zwei Reihen von Palästen. Gegenüber steht
ein vornehmer Palast, heute ein Hotel oder besser: früher
ein Hotel, denn außer einem verhungernden Lakaien lebt
da niemand mehr. Der nächste Palast ist zu vermieten; aber
der einzige Diener, der dort aushält, liegt im Bett
es ist elf Uhr , und Sie müssen wieder kommen. Der
nächste Palast sieht aus wie eine Ruine, wurde aber nie
fertig gebaut: Die Familie bekam ihre Tür und ihr Wappen
darüber, gab dann alles auf, und die Tür wurde nie
wieder geöffnet. Hier aber ist endlich einer, der frisch
gestrichen ist, ein alter Pallazzo, aber gut getüncht, das
ist in Ordnung, würden Sie sagen er gehört einer
Opernsängerin. Die vermietet Zimmer, ein Atelier, wenn sie
auf Tournee geht. Und im Atelier sehen wir den Künstler
hocken, unverkennbar sein schwarzer Nietzsche-Schnäuzer,
in den Händen Wachs, Bienenwachs. Er knetet es warm, eine
Figur in körperlicher Verzerrtheit entsteht als stamme
sie aus einem Gemälde Tintorettos, einer Kreuzabnahme vielleicht.
Hat nicht auch Tintoretto Figuren modelliert, sie in einer kleinen
Guck-Kasten-Bühne manieristisch arrangiert, mit der Beleuchtung
experimentiert, um seine Komposition, die dann zu malende Licht-
und Schattenführung zu inszenieren?
Vor Tintorettos Bildern hat der Künstler wohl lange gestanden,
gesessen. meditiert; wir hätten ihn in der Scuola di San
Rocco sehen können. Jetzt greift er hier zu Stift und Papier,
um das, was er mitgenommen hat mit den Augen, mit Sinnen und
Geist, im intensiven Empfinden für sich festzuhalten. Kein
augentäuschender Realismus, der sich da auf dem Blatt in
der Nah- aufnahme entfaltet, eher Zeichen der Versicherung von
Wahrgenommenem, von Angeeig- netem. Hätten wir den Zeichner
angetroffen auf einem Campo, eine Kirche, eine Fassade musternd,
mit dem Block auf den Knien, er hätte uns gesagt: Ich kritzle,
hier nebenbei mit dem Stift in der Hand, damit ich sie sehe,
die Kirche, die Fassade, damit ich es wahrnehme, mein Venedig;
dazu reichen die Augen nicht allein, es braucht den kritzelnden,
krakelnden Stift auf dem Papier.
Nehmen wir nun diesen dunklen Kanal und fahren in die Richtung
Cannaregio, jenes Sechs- tels (Venedig hat, Sie wissen das, keine
Viertel, sondern Sechstel); jenes Sestiere, in dem die Kanäle
wie mit dem Lineal gezogen sind. Wen sehen wir, vom Wasser aus?
Den Künstler, der wie alle Venezianer die Stadt als die
Stadt der Gehenden begreift, allenfalls einmal ein Traghetto
benutzt, um sich nicht auf der Rialto-Brücke durch die Menge
zwängen zu müssen. Menschliches Maß hat dieses
Venedig Sie kommen gehend, wohin Sie wollen. Er ist wohl
nicht auf dem Weg zur Kirche Modonna dellOrto, wo Tintoretto
begraben liegt, er ist in diesem Sechstel, einst von Kaufleuten
und Künstlern bevorzugt (und Tintoretto war, nebenbei, auch
ein Kaufmann) er ist unterwegs zu einer kleinen, historischen
Druckerei, in der junge Leute die alten Pressen bedienen. Und
wir hier, aus unserer Gondel, sehen Peter Marggraf in der Werkstatt
verschwinden.
Lassen Sie mich an dieser Stelle meine kleine Venedig-Erzählung
abbrechen und eingestehen: Es war eine Collage, die ich Ihnen
präsentiert habe. Ich habe einen Brief aus Venedig genommen,
vor 150 Jahren geschrieben von John Ruskin, dem großen
englischen Kulturkritiker und Kunstförderer, und ich habe
Peter Marggraf sich in dem dort beschriebenen Venedig bewegen
lassen. Doch was ich über seine künstlerischen Aktivitäten
in Venedig berichtet habe, entspricht der Wahrheit: Zeichnungen
und Skizzenbücher, Drucke und Mappen sind dort entstanden.
Das ist die sichtbare Seite der Auseinandersetzung Peter Marggrafs
mit dieser Stadt, ihrer Kunst, ihrer Architektur, ihrer Geschichte.
Aber es gibt auch einen nicht sichtbaren, untergrün- digen
Strom, der Peter Marggraf mit Venedig hurzschließt: Es
ist nicht das augenscheinlich Moribunde dieser Stadt, nicht jener
Verfallensreiz, das hetärenhafte Charmieren mit der ab-
blätternden Schminke. Es ist eher die Fragilität eines
von Menschenhand, von Generationen tollkühn in Wasser und
Schlamm gesetzten Kunstgebildes: fragile, handle with care.
Dem eignet, gleich dem mundgeblasenen, farbigen Glas, ausgestellt
in den Showrooms am Markusplatz, Festigkeit wie Zerbrechlichkeit:
fragile, handle with care. Doch trotz aller Gefährdung
durch hohe Wasser wie Verlandung der Lagune, durch rücksichtslose
Bau-Eingriffe wie die vergiftende Industrie Peter Marggrafs
Venedig würde nie versinken. So wenig wie das der Rose Ausländer,
die in einem Gedicht die Zeilen notierte: Venedig / meine
Stadt // Ich fühle sie / von Welle zu Welle / von Brücke
zu Brücke // Ich wohne / in jedem Palast / am großen
Kanal // mein Venedig/ versinkt nicht La mia
Venezia / non sprofonda.
Darum habe ich also Peter Marggraf in dieser kleinen Inszenierung
durch Venedig gehen lassen er ist Venezianer, nicht von
Geburt oder Herkommen, sondern von Beruf und Berufung her: Diese
Stadt Venedig als Resonanzkörper seiner künstlerischen
Arbeit die Impulse für seine Kunst, von jeher auf
Darstellung (nicht Bewältigung) existentieller menschlicher
Erfahrung aus, auf Intensivierung der Auseinandersetzung mit
körperlicher und seelischer Verfaßtheit und Verstörung
des Einzelnen, seiner Verletzbarkeit wie Verletztheit
diese Signale hallen wider und verstärken sich für
ihn in dieser Stadt. Venedig ein Schwingungsfeld, in dem
er sich nur zeichnend, radierend, modellierend behaupten kann.
Es hat Gründe, daß Peter Marggraf seine Presse San
Marco Handpresse genannt hat. Allerdings betreibt er auch
ein Rollen-, ein Vexierspiel. Denn er unterhält, im Gegensatz
zu dem was die Verlagsangabe suggeriert: San Marco Handpresse
Venezia kein editorial office in der Serenissima,
wo fleißige Sekretärinnen und Verlagsangestellte die
florierenden Geschäfte abwickeln. Seine Presse ist immer
noch ein Ein-Mann-Betrieb, Hauptsitz Bordenau. Lassen Sie uns
die Werkstatt, unterstockig im Winkel gelegen, besuchen. Leider
müssen Peter Marggrafs Skulpturen, aus holländischem
Ton geformt, nach dem Brennen wie ein alter Eisenguß schimmernd,
außer Betracht bleiben. Wiewohl die Augen sich daran festsau-
gen möchten und die Hände in einem Anrührungsdrang
verharren müssen. Im Kellerwinkel steht sie also, die alte
Setzmaschine, eine Linotype vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts.
Ein wahrhaftiges Prachtstück, so gut wieder in Schuß
gebracht, an der Seite der Bottich mit geschmolzenem Blei, der
Setzer-Schemel, die Tastatur, der Vorrat der Messing-Matrizen.
Alle Bücher der San Marco Handpresse haben ihre eigene Ästhetik:
eine strenge Einfachheit und Zurückgenommenheit, deren Raffinement
sich erst beim zweiten, beim dritten Blick erschließt.
Es ist jedenfalls nicht jene virtuelle Wunderwelt des desk
top publishing, in der sich auf dem Monitor per Mausklick
die gesetzten Zeilen vergrößern, verkleinern, verschie-
ben, diese oder jene Vorder- oder Hintergründe einbetten
lassen.
Es ist vielmehr eine klassisch moderne, eine neusachliche Ästhetik,
hervorge- gangen aus den Möglichkeiten des Materials und
eingebunden in dessen Grenzen. Die aber kann nur ein Büchermacher
wie Peter Marggraf mit seinem Auge, seiner Hand, mit seinen Fertigkeiten
und Fähigkeiten bis in den letzten Winkel auskundschaften.
Und was ist in den Büchern zu lesen? Er druckt Beckett und
Bachmann, und er druckt Georg Büchner, Heinrich Heine, Georg
Trakl und Franz Kafka. Wenn er die Verwandlung von
Franz Kafka angeht, widersteht er der Ver- suchung (wie nicht
jeder Künstler vor ihm, jenen Käfer zu zeichnen, als
der bekanntlich Gregor Samsa eines Morgens erwachte.
Das ist schon fast Programm: Denn die Radierungen, die er seinen
Büchern beilegt (und eben nicht fest ins Buch einbindet),
sind keine Illustrationen, keine Bebilderungen von Texten. So
wie es ihm mit Venedig, seiner Stadt, geht, behaupte ich, so
ergeht es ihm auch mit der Literatur, die er in seine Bücher
fasst: Es ist der Widerhall eigenen künstlerischen Empfindens,
den er in den Zeilen, zwischen den Zeilen wahrzunehmen sucht.
Und wir befinden uns, wenn wir uns einlassen auf die Sprache
der Texte wie auf die Sprache der Bilder in einem Hallraum der
Wort- und Zeichenempfindlichkeit. Soll heißen: Wir befinden
uns im Raum der Kunst.
Aus der Rede zur Ausstellungseröffnung am 27. September
2001 in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover
(gekürzt und überarbeitet).
Peter
Piontek Nach Venedig Der Künstler und Büchermacher
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