|
STARTSEITE I AKTUELLES I PETER MARGGRAF I SAN MARCO HANDPRESSE I BILDHAUER UND ZEICHNER I VENEDIGPROJEKT I
LINKS
Orte
und Räume der Christusbegegnung
Der
Flügelaltar von Peter Marggraf und Gedanken zu Kunst und
Kirche heute
00
linke
Abbildung: Erstes Kreuz (Wachs, zerstört) 2007
rechte Abbildung: Kreuz auf San Michele, Venezia (Foto: Peter
Marggraf)
Julia Helmke
Ein Flügel-Altar,
ein dreiteiliger Altar aus Eisenplatten. In deren Mitte hängt
Jesus. Ein Torso in Bronze. Auf den beiden Seitenflügeln
werden links eine zwei Personen, die Mutter Jesu, Maria und der
Jünger Johannes, und rechts der Auferstandene dargestellt.
Der Raum wird mit einbezogen. Zwei Linien, die sich in der Christusfigur
in dem Mittelteil des Altars kreuzen, laufen als Linien in roter
Kreide an den Wänden des Raumes und treffen sich in einem
Kreuzfragment. Dort, wo auf der anderen Seite der dicken Wand
ab und an die Eingangstür zum Wohnheim schwingt.
Der Flügel-Altar von Peter Marggraf ist kein Wandelaltar.
Die Alltagsseite des Altars ist im zugeklappten Zustand
als Altar nicht mehr erkenntlich. Es ist ein Wandschrank. Im
aufgeklappten Zustand erhält er mit seinen Scharnieren und
dem nach hinten in den Schrank gesetzten Mittelteil eine ausstrahlende
Dreidimensionalität, geschlossen fügt er sich unauffällig
in die lang gestreckte Schrankwand ein.
Die Bronzefiguren und die gezeichneten Figuren sind im Duktus
von Peter Marggraf unfertig und roh gehalten. Sie
stehen in der Traditionen der italienischen Renaissance, in der
es Arbeiten von Künstlern non finito gab und
die gerade dadurch die Betrachtenden mit einbeziehen und das
Werk zur Weiterentwicklung freigeben.
Soll, kann, darf man Christus in den Wandschrank schließen,
wenn der Raum zum abendlichen Karten-Spielen genutzt oder über
die Finanzsituation des Wohnheims diskutiert wird? Wem darf welcher
Anblick nicht zugemutet werden? Ist Christus denn nicht auch
im und durch den Wandschrank präsent? Dies waren einige
der Fragen, die bei einem Künstler- und Plenumsgespräch
kurz nach Vorstellung des neuen Kunstwerkes geäußert
wurden, engagiert und ergebnisoffen.
Gedanken dazu und ein situativer evangelischer Blick auf das
Verhältnis von Kunst und Kirche, der streiflichtartig mit
einer historischen Einordnung und Annäherung beginnt:
Gerade die moderne Gegenwartskunst mit ihren fragmentarischen
Komponenten verweist auf die Unvollkommenheit und Zerbrechlichkeit
des Lebens, die uns allen eigen ist. Aber auch die Klassik spielt
gegenwärtig wieder eine starke Rolle lenkt sie doch,
bei aller Unberechenbarkeit des Lebens, den Blick wieder zurück
auf das, was bleibt, was trägt. (Dr. Johannes Friedrich,
Landesbischof in Bayern und Leitender Bischof der VELKD, 2007)
Es sind vor allem künstlerische Äußerungen
gewesen, die unsere Kultur geprägt, weiterentwickelt und
immer wieder auch hinterfragt, reflektiert und herausgefordert
haben. (Dr. Margot Käßmann, Landesbischöfin
in Hannover, Synodenbericht 2007)
Kunst und Kirche
in Raum und Zeit
Die Frage der Möglichkeit von Kunst im Kirchenraum ist eigentlich
eine sehr moderne Frage! So schreibt Hans-Werner Dannowski, Nestor
und Mentor des Dialoges zwischen der Kirche und den Künsten
in der hannoverschen Landeskirche seit den 1980er Jahren und
bis heute in seiner Einführung zu der ersten großen
zeitgenössischen Kunstausstellung in Hannover Kunst
in Kirchen Raum geben (1993).
Denn: Früher hatte Kunst Raum in den Kirchen; die Bedeutung
eines Kirchenraumes über sein semiotisches System war die
Präzision seiner künstlerischen Definition: Immer bedeutete
der Raum etwas, war künstlerische Verdichtung, die begriffen
wurde. Und heute? Seine These ist: Die Kirchen bedürfen
der Kunst im Sinne einer Neudefinition des Kirchenraumes; denn
ohne solche eine Neudefinition bleibt die Begegnung mit dem Kirchenraum
ohne eindrückliche Folge, sonst fehlt dem Kirchenraum die
Dimension der Infragestellung, der Vertiefung unserer Ahnung
von Gott, für den der Kirchenraum ein unzulängliches
Haus, aber doch immerhin ein Hinweis und ein Zeichen ist
Die Reformation war hier in der Tat ein bedeutsamer Einschnitt.
Kirche ist Kirche durch das, was in ihr geschieht. Die Konzentration
auf die Verkündigung und das gemeinsame Hören des Wortes
Gottes, auf die Feier des Abendmahls als unmittelbares sinnliches
Zeichen der Erinnerung, Vergebung und Stärkung ließ
den Raum und dessen künstlerische Gestaltung in den Hintergrund
treten.
Unredlich wäre es, die gesamte Geschichte des Verhältnisses
zwischen Kunst und Kirche auf diese wenigen Zeilen zu reduzieren.
Mit einem solchen Einstieg möchte ich, mit gewisser Vergröberung
und Verkürzung, im Wissen um einen weiten Horizont einige
Haltepunkte für Auge und Geist setzen, die mit dem späteren
Blick auf Peter Marggrafs Altar-Kunstwerk in Hannover/Mittelfeld
vielleicht hilfreich sind.
Die protestantische Kirche verstand und versteht sich als eine
Kirche des Wortes. Alles, was mit Bildern
seien es gemalte, auf der Theater- oder Tanzbühne oder in
bewegten Bildern auf einem Zelluloidfilm dargestellte zu tun
hatte , wurde von der Kirche über Jahrhunderte hinweg
kaum beachtet, kritisch beäugt oder gar verboten.
Martin Luther hat das Abthun der Bilder anders als
Bilderstürmer jener Zeit (Ikonoklasmen und starke Bilderverehrung
haben die Kirchengeschichte seit jeher begleitet) nicht gefordert;
er sah sie vor allem in didaktisch-katechetischer Hinsicht als
sinnvoll an. Bilder waren für ihn Adiaphora,
im Sinne von gleichgültig und ethisch neutral,
Dies hat in einer gewissen künstlerischen Konzentration
zu der hohen Blüte evangelischer Kirchenmusik beigetragen,
die in ihren bisherigen und in neuen Formen einen herausgehobenen
Ort im Michaeliskloster in Hildesheim findet. Es hat zu einer
Sprachsensibilität und einem literarischen Können geführt,
dessen Nährboden oft in Pfarrhäusern lag Herder
oder Hölderlin sind frühe Beispiele hierfür, die
Wiederentdeckung von Paul Gerhardt im Jubiläumsjahr 2007
ein aktuelles Beispiel. Insgesamt ist jedoch auch hier der künstlerische
und kulturelle Wert lange zu gering geschätzt, zu wenig
gepflegt und der Anschluss an Weiterentwicklungen damit erschwert
worden.
Eine theologische Reflektion über das Verhältnis zur
Kunst und den Künsten, eine Bild-Theologie hat es insgesamt
nicht oder zu wenig gegeben eine Ausnahme bildet nach
der weitgehenden Emanzipation der Künste von der Kirche
spätestens im Zeitalter der Aufklärung der Berliner
Theologe, Philosoph und Kunstkenner Friedrich D. E. Schleiermacher.
Das Lob der geistlichen Nüchternheit und intellektuellen
Klarheit führte oft zu einer Angst vor dem Bedeutungsoffenen,
einer Scheu vor einem emotionalen Angerührt- bis Ergriffen-
oder sogar Überwältigtsein, das gerade die bildlichen
und darstellenden Künste auslösen.
Hier hat in den vergangenen Jahrzehnten ein Umdenken eingesetzt.
Vorangetrieben wurde dies von Personen, die auf Seite der Theologie
wie auf Seiten der Kunst immer den Dialog miteinander gesucht
haben, als Grenzgänger wie auch als überzeugte Vertreter
ihrer Zunft. Kurz vor der Jahrtausendwende, als klar wurde, wie
sehr wir in einer Bilderwelt, in einer medial geprägten
Welt leben, ist in den protestantischen Kirchen ein Prozess zu
Kultur und Protestantismus in Gang gesetzt worden.
Dieser Prozess mündet 2002 in der EKD-Denkschrift mit dem
aussagekräftigen Titel Räume der Begegnung.
Und gerade der Bereich der zeitgenössischen bildenden Kunst
wird hier besonders hervorgehoben.
Anerkannt wird darin, dass eine theologische Reflexion und auch
der konkrete Dialog mit Kunstschaffenden vielfach vernachlässigt
wurden, und hier neue Impulse nötig sind. Mit der Theologin
und Literaturwissenschaftlerin Dr. Petra Bahr gibt es seit 2006
eine Kulturbeauftragte für die EKD. Leitlinien und manche
Synodenbeschlüsse verankern auf Ebene der Landeskirchen
das Thema Kunst und Kirche. In ihrem Abschlussbericht
hat die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages Kultur
in Deutschland Ende 2007 den Beitrag der Kirchen als eine
der wichtigsten Kräfte ausdrücklich gewürdigt,
dies bedeutet eine Ermutigung aber auch eine Herausforderung
nach innen wie nach außen oder wie es Petra Bahr
formuliert: Fundament statt Ornament.
Zeitgenössische
Altäre und Altarbilder
Wie sieht die Situation
in Niedersachsen aus? Einen Fokus möchte ich aus gegebenem
Anlass auf den Bereich von Altar und Altarbildern legen und mich
hierauf beschränken.
Horst Schwebel, früherer langjähriger Direktor der
evangelischen Forschungseinrichtung in Marburg, des Institutes
für Kirchbau und kirchlicher Kunst der Gegenwart und
einer der profiliertesten Grenzgänger hebt in seinem höchst
lesbaren und lesenswerten Grundlagenwerk Die Kunst und
das Christentum. Geschichte eines Konfliktes (2001) im
Abschnitt über das 20. Jahrhundert die Evang.-lutherische
Landeskirche Hannovers hervor. Er schreibt von einem neuen Altarbildprogramm,
das seit den 1990er Jahren durchgeführt wird und eine im
Vergleich zu anderen protestantischen Landeskirche große
Anzahl zeitgenössischer Altarbilder hat entstehen lassen.
So sind bis heute ca zwanzig Altarbildgestaltungen realisiert
und dauerhaft installiert worden. Auch wenn sich dieser Vergleich
angesichts Entwicklungen in Süd, West- und Ostdeutschland
(als Buchtipp: Markus Zink (Hg), Siehe! Zeitgenössische
Kunst in evangelischen Kirchen, Frankfurt 2007) in letzter Zeit
wohl etwas relativiert hat: Namen wie u.a. Werner Tübke,
Johannes Grützke oder Werner Petzold für Kirchengestaltungen
zu gewinnen ließ aufhorchen, eine Hinwendung zur Figuration
wurde zu Beginn der 90er Jahre sichtbar und seitdem heftig diskutiert.
Zusammenfassend schreibt er in einem späteren Aufsatz: Im
Unterschied zu anderen Religionen hat das Christentum in seiner
westlichen Gestalt nicht allein seine heiligen Texte der historischen
Kritik ausgesetzt, sondern hat sich hinsichtlich der Bilder in
den Kirchen auf die Kunst der Moderne eingelassen. (
) Wird
in einen Kirchenraum ein Kunstwerk aufgenommen, hat man damit
deutlich gemacht, dass man um das Nicht-Sagbare weiß.
Recht verstanden weiß auch die christliche Verkündigung,
dass es über alles Sagen hin aus einen Überschuss,
ein Trans, gibt. In den Kunstwerken wird etwas vermittelt, das
ohne sie zu vermitteln nicht möglich und durch Worte nicht
ersetzbar ist. Die Begegnung der Kirche mit der Gegenwartskunst
bedeutet darum auch, am Prozess des Kreativen zu partizipieren.
(www.kirchbautag.de/alte_seite/onlinetexte/kirchenraumgegenwartskunst.htm)
Eine wahre und dramatische Erschütterung, die sich tief
in das Gedächtnis der Landeskirche und weit darüber
hinaus eingetragen hat, hat zugleich den Prozess einer Auseinandersetzung
und Wahrnehmung für das komplexe Thema von zeitgenössischer
Kunst im Kirchenraum neu angestoßen, ja ermöglicht:
Anfang der 1990 Jahre bietet Georg Baselitz der Gemeinde zu Luttrum/Kreis
Hildesheim als Geschenk ein Bild als Altarbild an. Das 314x210
cm große Bild, der Tanz ums Kreuz, wird bald
darauf zu einem Streitfall, der die Gemeinde spaltet. Ein großes
Bild für einen kleinen Kirchenraum. Pater Friedhelm Mennekes
stellt es 1992 der Gemeinde und einer interessierten Öffentlichkeit
vor, in der darauf folgenden Zeit eskaliert die Situation derart,
dass eine erhebliche Anzahl von Gemeindegliedern sich umpfarren
lässt, es kommt zu persönlichen Angriffen von Befürwortern
wie Gegnern des Kunstwerkes, Vorwürfe von Blasphemie und
ignoranter Kunstfeindlichkeit wechseln sich ab. Am Ende nimmt
der Künstler das Bild wieder zurück, bis heute ist
es im Privatbesitz.
Ein offener Prozess
Der Tanz um
das Kreuz, bewusst wird das Werk im Jahr 2002 zum Titelbild
der EKD-Kulturdenkschrift ausgewählt, wird zu einer Lernerfahrung:
Breit ist der Graben geworden zwischen der Kirche und der Kunst.
Zu lange hat die Kirche versäumt, den Dialog mit den zeitgenössischen
Künsten und Künstler/innen zu suchen, zugleich braucht
es jedoch auch eine hohe Sensibilität für den jeweiligen
(Kirchen-)Raum als geprägten Raum. Es braucht, kurz gesagt,
eine Kontextrelevanz und Kontextsensibilität. Es ist ein
Weg, der ein Prozess ist im Miteinander im Miteinander
von Kunstschaffenden mit dem jeweiligen Raum, im Miteinander
von Kunstschaffenden mit dem Thema Altar-Bild, im Miteinander
von Gemeinde und Kunstschaffenden. Dieser Weg, dieser Prozess
ist in den letzten Jahrzehnten sehr spannend gewesen und hat
zu ganz unterschiedlichen Antworten geführt, seien es die
Altarwandgestaltung von Stephan Balkenhol in Wolfsburg, die Altarbilder
von Hermann Buß, Altargestaltung von Madeleine Dietz in
Bad Bederkesa oder jüngst Gunther Gerlach in Buchholz/Nordheide
und hier nun auch Peter Marggraf.
Mit dem Frankfurter Theologen und Kunstsachverständigen
Markus Zink teile ich folgende Ansicht: Die zeitgenössische
Kunst steht nun weniger als noch vor zwei Jahrzehnten unter dem
Zwang sich selbst zu finden, Stile zu bilden und Maßstäbe
zu definieren. Heute ist jede Stilrichtung möglich. Das
Werk muss keinen anderen Normen gehorchen, als in sich schlüssig
zu sein (
) Damit bieten sich auch die besten Voraussetzungen
für den Dialog mit den Künsten. Während noch vor
20 Jahren darüber diskutiert wurde, ob sich autonome Kunst
ernsthaft auf religiöse Themen einlassen darf, wird die
Frage heute von der Selbstverständlichkeit eingeholt, mit
der viele Künstler und Künstlerinnen für die Kirche
arbeiten. (a.a.O., 11)
Die Symbolik spielt dabei immer noch und wieder eine wichtige
Rolle, im kirchlichen Kontext heißt das vor allem: das
Kreuz. Und gerade hier gibt es oft Mischformen von plastischer
und malerischer Arbeit zu sehen.
Alle bisher genannten Altargestaltungen sind jedoch in historischen
Kirchenräumen zu finden bzw. in eigenen sakralen Räumen
wie Krankenhauskapellen. Sie sind eingebunden in den Kontext
eines Ortes, der eine bestimmte Prägung und Ausrichtung
hat und nehmen Bezug auf die vorfindliche Substanz des Raumes
und seiner Gestaltung.
Der Altar von Peter Marggraf hat sich vor allem räumlich
anderen Herausforderungen und Bezugspunkten zu stellen
Der Raum
Sein Altar befindet
sich in einem Raum, der als multifunktionaler Versammlungsraum,
Gemeinschaftsraum und Sitzungsraum geplant worden ist. Im Eingangsbereich
des Wohnheimes angesiedelt, wirkt dieser mit seiner teilweise
verglasten Front hell und einladend und zugleich funktional.
Deutlich spürbar ist, dass die Schwelle, die ein Wohnheim
für Menschen mit schweren Körperbehinderungen darstellt,
das Gefühl einer Abgeschlossenheit, Zurückgezogenheit
vermindert und durchlässiger gemacht werden soll. Ein Raum
der Stille, Orte für Gebet und gottesdienstliche Feier fehlen
bisher im Wohnheim. Der Wunsch nach einem Altar als Minimalausstattung
ist vorhanden, jedoch auch die Auflage, dass der Raum pflegeleicht
und weiter für gesellige Zusammenkünfte und dienstliche
Sitzungen genutzt werden kann und der Altar, und d.h. vor allem
das Kreuz, dann nicht stört.
Peter Marggraf nimmt die Herausforderung an. Er steht damit in
der Tradition des Umgangs und der Schwierigkeiten mit Multifunktionsräumen,
die in den 1970er Jahren eine Spielart des evangelischen Kirchbaus
prägten, wobei der Denkansatz sich noch einmal unterscheidet.
In kirchlichen Multifunktionsräumen sollte bewusst Gottesdienst
gefeiert, aber eben auch und zugleich bewusst gespielt, gegessen
und gearbeitet werden. In Mittelfeld kommt der gottesdienstliche
Aspekt zu anderen bereits praktizierten dazu. Kirchbau
ist Zweckbau. Kirchbau ist nicht Sakralbau, nicht gebaute Liturgie
und nicht umbautes Mysterium. Wenn der Ort der versammelten Gemeinde
die Welt ist, wird die Unterscheidung zwischen Sakral- und Profanbau
hinfällig. Wie an Werk und Person Jesu erkennbar ist, bleibt
der Ort Gottes die Welt in ihrer vom Menschen erkannten Wirklichkeit,
die sich durch keine sakrale Optik außer Kraft setzen läßt.
So schreibt es 1971 der spätere Präses der rheinischen
Kirche Peter Beier und setzt zwei Jahrzehnte später kritisch
dazu: Ausgeblendet wird die psychologische Komponente des
Kirchbaus, die insofern beachtlich bleibt, als Gemeinde sich
ja eben nicht (...) in gewöhnlichen Räumen versammeln
will, sondern im anderen Raum, nicht in einer anderen
Welt, aber im von gewohnten Räumen unterschiedenen Raum.(in:
R. Bürgel (Hg.), Raum und Ritual. Kirchbau und Gottesdienst
in theologischer und ästhetischer Sicht, 1995, S. 39-45)Mit
einem einfachen und doch ganz wirkungsvollen Mittel verbindet
Peter Marggraf den gewohnten Raum mit dem unterschiedenen Raum:
Zwei Kreidestriche, die die Seitenwand des Versammlungsraumes
markieren und die ausgehen bzw. zusammen laufen in den Kreidestrichen
im Zentrum des Altars: In Jesus Christus selbst. Fast verwegen
scheinen diese Kreidestriche auf der sauberen Wand und dabei
wunderbar alltäglich.
Für mich macht er deutlich: Es gibt nicht die eine klare
Trennung zwischen Gott und Welt, zwischen Gottesdienst und Gottes
Dienst in der Welt und für die Welt - was Diakonie
ja bedeutet in seinem Wortsinn und die Annastift-Gründerin
Anna von Borries als Leitspruch proklamierte: Wir wollen
ein Ort sein, an dem sich Nächstenliebe ereignet.
In Jesus Christus kommt Gott und Mensch zusammen, durchkreuzt
die Vergänglichkeit die Ewigkeit, das Leben den Tod und
die Liebe den Schmerz.
Und das Kreuz
?
Kunsthistorisch trat zu dem Altar, der bereits zur Zeit der frühen
Kirche als Tisch des Herrn, als Zeichen der Beständigkeit,
Heiligkeit, Ewigkeit dreidimensional den Raum prägte, ab
dem Mittelalter das zweidimensionale Bild, als Ausdruck für
Anschauung, für individualisierbare Geschichten hinzu.
Peter Marggraf, der Bildhauer und Zeichner, nimmt in seinem Mittelfelder
Altar Es ist vollbracht beides auf, ohne die Funktionalität
und Nüchternheit des umgebenden Raumes außer Acht
zu lassen. Sein Venedigprojekt hat einen Ausgangspunkt ihn den
unzähligen Kreuzigungsdarstellungen, Kreuzabnahmen und Grablegungen,
die er in der dortigen reichhaltigen Tradition und Schulen der
künstlerischer Gestaltung während seiner Aufenthalte
dort gesehen hat. Ausschnitte dieser historischen künstlerischen
Aussagen tiefen menschlichen Empfindens wurden zum Thema seiner
Arbeit und prägen ihn bis heute. Peter Marggraf nimmt traditionelle
Formen und Bildprogramme auf, sein Tryptichon ist in dieser Hinsicht
klassisch und damit auch verständlich, zugleich steht er
in der Tradition der zeitgenössischen Kunst, in deren Werke
jeweils die Erfahrung und das Gestaltungsvermögen eines
Künstlers ihren Niederschlag finden, mit künstlerischer
Freiheit und neuen Ansätzen, die neues Sehen, neue Erfahrungen
erschließen wolle, als Mittler des Bleibenden und Gegenwärtigen.
In der Mehrzahl aller Altargestaltungen ist im Altarbereich ein
Kreuz oder Kruzifix auf, neben, hinter, über dem Altar allgemein
üblich. Sofern man nicht auf ein historisches Kruzifix zurückgriff,
stellt sich die Frage, wie ein zeitgemäßes Kruzifix
auszusehen habe, in dem sowohl die Menschheit als auch die Gottheit
Christi angemessen zum Ausdruck gebracht würde. Horst Schwebel
meint dazu: Während viele Künstler durch Anklänge
an den romanischen Christus den Erlösungsaspekt hervorhoben,
betonten andere Christi Leiden und Sterben, seine Gottverlassenheit.
Künstlerisch sind die Kruzifixe des Leidens gegenüber
den Kruzifixen des Sieges Christi über den Tod die stärkeren.
(
) Vom Künstler indes zu verlangen, er müsse
Kreuz und Auferstehung, Menschheit und Gottheit theologisch
richtig in Beziehung bringen, wäre unangemessen. Sie
verkennt die Möglichkeiten des visuellen Mediums,
(a.a.O.)
Peter Marggraf formt ein Kreuz, das zart wirkt und fragil, in
seiner Bronze fein und, wenn das Licht gut steht und bis in den
Wandschrank hineinfällt, glänzend. Das lebendig wirkt
und dadurch das Leiden des gemarterten Mannes am Kreuz nicht
ausspart. Die Extremitäten sind nicht ausgeführt. Hier
steht nicht eine naturgetreue Abbildung im Vordergrund, sondern
ein Ausdruck, der die Verletzlichkeit des Evangeliums, der guten
Nachricht noch deutlicher macht und erinnert an Christus
hat keine anderen Hände als unsere Hände, ein
Teresa von Avila zugesprochener Satz, der nach manchen Quellen
bereits im 3. Jhd. in den Katakomben geschrieben worden ist,
und in den 1980er Jahren befreiungstheologisch als Kraft- und
Widerstandsquelle gepredigt und gedeutet wurde. Non finito
- Das kann heißen: Mein Werk in dieser Welt ist noch nicht
zu Ende. Oder: Ich bin noch nicht fertig mit dieser unfertigen
Welt. Und die, die non finito, nicht perfekt sind,
gerade denen bin ich nahe denn, wer entscheidet über
das finito in dieser Welt und darüber
hinaus? Wer stört also wen? Wer wird von wem gestört
und was muten wir einander zu?
Jesus Christus im Wandschrank und in einem Multifunktionsraum
eines Behinderten-Wohnheimes. Die Räume reichen nicht aus,
um einen eigenen gottesdienstlichen Raum zu schaffen. Ich glaube,
dieser Christus hält das ganz gut aus. Christus ist auch
im Wandschrank präsent. Lieber wäre es mir, wenn wir
den Wandschrank öffnen würden. Und offen halten würden.
Um der Kraft des Kunstwerkes von Peter Marggraf willen und um
der Menschen willen, die die Kraft Christi brauchen und erinnert,
gestärkt und provoziert werden von Christus und dieser Christus-Interpretation.
Denn auch räumlich glaubet der Mensch.
aus "Berichte aus
der Werkstatt" Ausgabe November 2008
Der Flügelaltar
im Annastift Hannover
Eva
Lachner Kunst und Kirche - Rede zur Einweihung des Altars
Ich arbeite so,
wie ich glaube, für mich arbeiten zu müssen.
Ein Gespräch, das Rosemarie Wagner-Gehlhaar für die
Sendung Im Anfang war das Wort: Die Bibel auf NDR
Info mit Peter Marggraf geführt hat
|