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Ich arbeite so, wie ich glaube, für mich arbeiten zu müssen.

Ein Gespräch, das Rosemarie Wagner-Gehlhaar für die Sendung „Im Anfang war das Wort: Die Bibel“ auf NDR Info mit Peter Marggraf geführt hat“(Evangelische Radio und Fernsehkirche im Norddeutschen Rundfunk)


Rosemarie Wagner-Gehlhaar Auffällig: Die Figur in der Mitte hat weder Arme noch Beine.
Peter Marggraf Sie hat keine Arme und keine Beine, weil sie bei mir in meiner Werkstatt entstanden ist. Und meine Möglichkeit mich künstlerisch auszudrücken, ist das Suchen, das Sichherantasten an die Form, an die menschliche Figur. Diese Christusfigur ist aus Wachs modelliert, dann in Bronze gegossen. Ja, Sie hat keine Arme, sie hat keine Beine, sie ist nicht fertig. In der italienischen Renaissance gibt es ja diesen Begriff des „non finito“ oder des Nichtfertigen. Als Kunsthistoriker vor 100 oder vielleicht 200 Jahren sich die nichtfertigen Skulpturen von Michelangelo anschauten, die Sklaven, die noch halb im Stein stecken, oder die Pieta in Mailand, mit ihrem nur bossierten, nicht ausmodellierten Christus, behaupteten sie, er hätte diese Arbeiten verworfen und nicht zu Ende ausgeführt, aus welchem Grund auch immer. Nein, ganz im Gegenteil, er hat bewußt dieses Nichtfertige in seine Arbeit mit einbezogen, um die Menschen, die Betrachter, an diese Arbeit und ihre Aussage heranzuführen und ihnen die Möglichkeit zu geben, weiter zu denken, also mitzuarbeiten. Ich nehme eine handvoll weiches Wachs und suche so lange mit meinen Händen, bis ich in dieser Masse Punkte finde. Eine Schulter, ein Knie, ein Kopf, dann vielleicht ein Auge, manchmal ein Beckenknochen. Und ich trete in einen Dialog zu der Arbeit und jeder Punkt, der neu entsteht und den ich neu entdecke, ist in diesem Gespräch wichtig. Irgendwann ist diese Begegnung zwischen mir und der Figur so intensiv, dass ich denke, jetzt weiter zu arbeiten, wäre sträflich, denn die neuentstandene Figur ist mir, so wie sie ist, wichtig, in ihrem Nichtfertigsein.
Ich arbeite so, wie ich glaube, für mich arbeiten zu müssen.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Einer Ihrer berühmten Kollegen hat einmal gesagt, in dem Holz ist die Figur schon drin, ich hol’ sie nur raus. Ist das ein bißchen auch Ihr Empfinden?
Peter Marggraf Ja, genau, ich erwähnte vorhin den Namen des Kollegen schon einmal – Michelangelo. Er sagte, die Figur steckt in dem Material, in dem Block und ich haue alles weg, was nicht Figur ist. Ich habe einen Klumpen Ton oder Wachs in der Hand und aus diesem Klumpen kann alles werden. Es kann eine Kugel werden oder ein Würfel, eine bewegte, organische oder auch eine konstruktive, gebaute Form. Ich suche in dem Material und finde mit meinen Händen Formen, eine Figur. Und dann strahlt diese Figur in einem Moment des Suchens soviel Spannung aus, daß es nicht gut wäre, noch weiter an ihr zu arbeiten, noch weiter zu suchen. Sie würde heile, ganz werden und dann wäre sie perfekt und langweilig.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Sie haben sich um diesen Auftrag zur Gestaltung dieses dreiteiligen Altars beworben. Was soll Ihre Kreuzdarstellung vermitteln?
Peter Marggraf Für mich war es ganz wichtig, bei meiner Kreuzdarstellung kein Folterwerkzeug, also kein Holzkreuz im klassischen Sinne zu zeigen, wie wir es aus der zweitausendjährigen Kunstgeschichte kennen. Ich wollte einen Christus darstellen, der meiner Meinung nach nicht für uns gestorben ist, sondern für uns gelebt hat. Der an dem Ideal gewirkt hat, eine Gemeinschaft zu gründen, einen sozialen Prozess in Gang zu setzen, Solitarität zu leben. Dieses Bild von Jesus Christus steht im Mittelpunkt meiner Gestaltung an diesem Altar.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Ihr biblischer Text dazu – „Es ist vollbracht.“ Die letzten Worte Jesu am Kreuz.
Peter Marggraf Diese Bibelstelle war für mich sehr wichtig bei der Vorbereitung auf diese Arbeit, die über ein Jahr gedauert hat. Dieses „Es ist vollbracht!“, man kann es auslegen im Sinne von: „Jetzt habe ich es geschafft, das Martyrium, das ich erdulden mußte, ist vorbei, es ist vollbracht, ich darf sterben.“ So deute ich den Satz nicht. Mein Christus sagt bevor er stirbt: „Es ist vollbracht, ich habe es geschafft, ich habe das, was ich auf dieser Erde erreichen wollte, erreicht!“. Er wollte die Gemeinschaft, die Solidarität und hat dieses Ziel in den Mittelpunkt seines Handelns gestellt.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Sie haben hinter dem Christus zwei rote Linien gezeichnet, eine horizontale und eine vertikale Linie.
Peter Marggraf Die horizontale Linie auf dem Mittelteil des Altars steht für diese Begegnung zwischen den Menschen und die vertikale Linie für die Beziehung des Menschen zu Gott.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Braucht wahre Kunst eine vertikale Komponente?
Peter Marggraf Ja, mir ist es ganz wichtig in meine Arbeit, diesen transzendenten Aspekt mit einzubringen, der nicht unbedingt christlich gesehen werden muß. Man kann Kunst als dekorative Elemente in unserer Gesellschaft produzieren und auch genießen. Ganz bestimmt. Aber ich glaube, daß wahre Kunst, wie Sie es sagen, nennen wir es gute Kunst – es wird immer wieder darüber diskutiert, ob es so etwas gibt, ich glaube, es gibt sie – daß also wahre oder gute Kunst immer dazu da ist, etwas Geistiges zu transportieren und nicht an der Oberfläche hängen bleiben darf.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Sie haben eine zweite Linie gezogen, auch mit roter Wachskreide, nämlich eine horizontale Linie. Die deutet ja auch so ein bißchen schon die Seitenflügel an.
Peter Marggraf Die rote horizontale Linie – jetzt komme ich wieder zurück auf die letzten Worte Christi „Es ist vollbracht!“ – Jesus wollte nicht sein Ende ankündigen, sondern er sagte dieses im Rückblick auf sein Leben. Er hat die Begegnung zwischen den Menschen gepredigt, symbolisiert durch diese horizontale Linie. Begegnung zwischen den Menschen, dazu auch der Ausruf, „Deine Mutter, dein Sohn!“. Er gehört neben „Es ist vollbracht“ nach dem Evangelisten Johannes auch zu diesen letzten Worten. Er zeigt uns, daß wir selbst im Schmerz, wie hier im Angesicht des Todes, nicht alleine sind.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Auf der anderen Seite ist auch eine Figur?
Peter Marggraf Niemand soll alleine sein, das was wir auf dem linken Flügel des Altars sehen, Maria die Mutter und Johannes der Jünger im Schmerz, angesichts des Todes, vereint. Dieses Hoffnungsvolle habe ich noch einmal auf dem rechten Flügel in einer Christusdarstellung auszudrücken versucht, in der Darstellung des auferstandenen Christus. Dieses Hoffnungsvolle, daß trotz des Todes doch Leben ist. Daß der Tod nicht das Ende sein kann. Der auferstandene Christus simbolisiert dieses, auf dem rechten Flügel gezeichnet.
Rosemarie Wagner-Gehlhaar Peter Marggraf, das alles haben Sie jetzt als Künstler gesagt, aber es sind ja auch Glaubensaussagen.
Peter Marggraf Ja, von diesem Altar soll Hoffnung ausgehen, das wünsche ich mir: Der Tod ist nicht das Ende, in jedem Sterben gibt es immer auch einen Neuanfang.

 

 

Der Flügelaltar im Annastift Hannover
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