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Das
Kreuz
Die Menschlichkeit Jesu
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Von Jörg
Panzer
Sich dem Kreuz
Jesu stellen, heißt für mich, eine Grundsatzentscheidung
zu treffen. Von welchem Kreuz rede ich/wir: Vom Kreuz des Jesus
aus Nazareth oder vom Kreuz des Jesus Christus?
Die Interpretation des Kreuzes Jesu Christi als des Sühneopfers,
als des für meine Sünden Gekreuzigten, um Gott mit
mir/uns zu versöhnen, fällt mir unendlich schwer.
Diesen Glauben habe ich nicht, er wurde mir nicht vermittelt,
bzw. wo doch, löste er nur Abwehr aus. Aber das Kreuz des
Jesus von Nazareth, der gekreuzigt wurde für die Art, wie
er gelebt und geliebt hat, das leuchtet mir ein. Und wenn es
um die Nachfolge geht, dann habe ich mir bewußt zu machen:
Lieben kann Leiden bedeuten, kann ans Kreuz bringen. So einfach
ist das und da fängt es an.
Im Dom von Greifswald hängt ein großes Kruzifix mit
einer vertrauten Jesus-Gestalt: Mit Dornenkrone und leidendem
(nicht schmerzverzerrtem) Gesicht, den Blick zur Seite, die Arme
ausgebreitet am Kreuz und die überkreuzten Beine, um ihn
an die Senkrechte des Kreuzes nageln zu können. Der Tod,
das Es ist vollbracht ich schildere die mir
aus vielen Kreuzbildern vertraute Gestalt deshalb, weil über
dem Kreuz der Bibelspruch angebracht ist (Joh. 14,6): Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Meine erste Reaktion:
Wie unmöglich, wie abschreckend das Kreuz und diesen Spruch
zusammenzubringen. Aber nachdenkend: Es stimmt für den Menschen
Jesus aus Nazareth, wenn man ihn als Vorbild nehmen will. Nur
argwöhne ich: Gemeint war in der Darstellung der Jesus Christus,
der für uns gestorben ist.
Es gibt einen zweiten Gedankenstrang. Jesus war gläubiger
Jude, kannte also die Thora. Im Ersten Buch Mose, (Gen. 1,27),
in der Schöpfungsgeschichte, steht, daß Gott den Menschen
schuf, ihm zum Bilde. Heißt das, wir sollen werden wie
er, wie Gott also? Im Neuen Testament gibt es die Stelle (1.
Joh. 4,16): Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott und Gott in ihm. Unsere Aufgabe hier
auf Erden: Lieben lernen. Erst durch Liebe werden wir mensch(lich).
Aber die Realität unter allen Menschen ist stets anders.
Liebe, göttlich und damit menschlich sein, wird nicht eingelöst.
Die frommen Christen sagen: Deshalb wurde Gott Mensch in Jesus
Christus. Also an Jesus Christus könnt ihr sehen, wie Gott
Euch Menschen will, als Liebende. Ich setze dagegen: Jesuanisch,
also nicht christlich leben. Also so leben wie Jesus
gelebt und gehandelt hat. Das kann ans Kreuz bringen, ist aber
nicht vergeblich (Bild der Auferstehung).
Ein dritter Gedankenstrang: Isaaks Opferung (Gen. 22,1
17). Man male sich aus, aus Glaubensgehorsam soll Abraham seinen
Sohn opfern! Ich stelle mir das bildlich vor, wie Abraham mit
seinem Sohn loszieht, nur die beiden. Vater und Sohn machen etwas
zusammen; der Sohn ist stolz mitgenommen zu werden, trägt
das Brandholz, hilft dem Vater den Scheiterhaufen zu bauen. Nun
nimmt der Vater ihn, fesselt ihn und will ihn schlachten(!),
ist bereit ihn zu morden, ihn zu opfern, um zu beweisen, daß
er Gott gehorcht.
Welch ein zu verfluchender Gott, der so etwas fordert! Aber,
es kommt ja anders. Der Engel schreitet ein und sagt: Töte
ihn nicht! Gott weiß nun, daß Du ihm gehorchst, daß
Du bereit bist, Dein Liebstes zu opfern. Abraham findet
einen Widder, den er opfert, die Geschichte bleibt aber anstößig
genug. Es gibt eine andere Deutung, eine eher kulturgeschichtliche:
Der Übergang vom Menschen- zum Tieropfer. Ein großer
Fortschritt.
Und nun das Kreuz dieses Jesus aus Nazareth. Es gibt eine Interpretation,
die sagt: Jesus will das letzte Opfer sein! Hört auf zu
opfern, Opfer sind sinnlos!
Das mag alles schön klingen. Aber die Kreuze und die Opfer
haben nicht aufgehört. Das Kreuz ist Symbol geblieben für
das unschuldige Leiden. Für das, was Menschen durch Menschen
angetan wird.
Dieses Motiv finde ich in den Bildern und Plastiken von Peter
Marggraf: Was alles wird dem Menschen angetan. Die Kreuzdarstellungen
Peter Marggrafs, sie wirken verstörend und das sollen sie
wohl auch. Meine erste Reaktion auf den Gekreuzigten für
den Altar im Wohnheim des Annastiftes Hannover war Abwehr. Es
gab nichts Vertrautes, nichts fürs Auge, nichts fürs
Gemüt. Kein Wiedererkennen des gekreuzigten Jesus aus Nazareth.
Es gibt diese andere Figur des Gekreuzigten von Peter Marggraf.
Schon auch gesichtslos, ohne Dornenkrone, abstrakt, aber erkennbar:
Jesus aus Nazareth mit gesenktem Kopf; unten die Beine übereinandergeschlagen,
um die Füße festnageln zu können. So kenne
ich ihn, so ist er mir vertraut, der hingerichtete Jesus aus
Nazareth.
Erst im Zulassen der Abwehr merke ich die Provokation Peter Marggrafs.
Es geht ihm nicht um den Jesus aus Nazareth, nicht um den für
uns gestorbenen Jesus Christus, sondern um den leidenden Menschen
überall. Es geht um die vielen Gekreuzigten heute, um das
Kreuz aller leidenden Menschen. Jesus aus Nazareth, die Verkörperung
des leidenden Menschen. Und damit wir nicht Jesus in die Stellvertreterrolle
schieben, formt Peter Marggraf den gemarterten Menschen als permanente
Mahnung: Es wird weiter geopfert, gefoltert, gekreuzigt, getötet.
Die Menschlichkeit Jesu, unsere Menschlichkeit ist nicht eingelöst.
Peter Marggraf ist unbequem. Gegen die Gefahr, nur das niedliche
Jesulein haben zu wollen (das Kind in der Krippe), verstört
er nicht nur mit der Betonung des Kreuzes als Wesentlichem, sondern
überspitzt es: Die verwüsteten und zerstörten,
die deformierten Gesichter tragen alle Spuren dessen, was Menschen
Menschen antun können. Das kaputte, abstoßende, statt
des heilen und schönen Angesichtes. Peter Marggraf mutet
uns viel zu. Aber, wie Hans Georg Bulla schrieb: Nicht
Peter Marggraf zerstört, sondern er findet um sich herum
Zerstörtes vor.
Wendet Euch nicht ab, guckt hin, laßt Euch berühren.
Habt Mitleid, handelt, hört auf zu kreuzigen. |