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Im
Rippenliniengeflecht
Zu Peter Marggrafs Monotypien Ein Verrückter und Eine
Mischa
von Perger
Neun Monotypien
bilden einen Totentanz, auf jeder erscheint ein Paar aus einem
Skelett und einem fleischlichen Menschen. Das Gerippe ist alle
neun Mal in Blau gehalten, der Schemen seines Partners tritt
zweimal in der gleichen Farbe, siebenmal aber rot auf. Die Figuren
sind hauptsächlich in ihren Umrissen gegeben und heben sich
so nur leicht von ihrem Umfeld ab, das ebenfalls durch Linien,
aber diffuse und meist schwächere, markiert ist. Die Binnenzeichnung
ist sparsam, verdichtet sich deutlich nur im Gesicht dessen,
der da jeweils mit dem Tod tanzt. Dreimal erkennen
wir in dieser Person eine Frau am Umriß ihrer Brust, einmal
blickt ein stark gefurchtes, männliches Gesicht aus dem
Bild, im Übrigen bleibt das Geschlecht unbestimmt, zumal
der leibliche Schädel wie der Totenkopf fast immer kahl
scheint.
Was tun diese Paare? Hier beugt sich das Skelett über eine
Gestalt, die auf der Seite liegt, und faßt sie mit beiden
Händen am Oberarm, wie um sie aufzurichten. Dort neigt es
sich im Stand leicht nach vorn nicht schwächlich,
sondern monumental und dominant und kehrt den Rücken
seinem ebenfalls stehenden Partner zu, der die Arme hinter dem
Kopf verschränkt und ein Bein posierend oder tänzelnd
anwinkelt. In Halbfigur drängt es sich eng an oder vor den
versonnenen Nebenmann und blickt wie dieser nach links aus dem
Bild. In einem Doppelporträt starrt es aus seinen leeren
Augenhöhlen auf die hohe Stirn seines Gegenübers, das
an ihm vorbei- oder durch es hindurchsieht. Es tritt, wieder
in halber Figur, von hinten an die Frau heran und legt ihr den
knöchern-durchscheinenden Arm um den Hals und über
die Brust. Grinsend lässt es seine Hände auch auf Schulter
und Oberarm des muskulösen Mannes ruhen hier wirkt
die Dreiviertelgestalt des Gerippes stark und gerade, der massige
Körper neben ihm neigt sich unbeholfen nach vorne. Einmal
stehen sich, klein und isoliert, die Büsten von Skelett
und leiblichem Menschen gegenüber, jeder ein geheimnisvoller
Spiegel und Betrachter des anderen. Nochmals biegt der große
Beinerne für die Frau seinen Arm, diesmal, um sie unterzuhaken;
halb träumerisch, halb überrascht läßt sie
es geschehen. Auch als er sich ein zweites Mal um einen liegenden
Partner kümmert, ist es die Frau. Sie hat die Arme weit
zur Seite und in die Höhe gestreckt und schaut in Rückenlage
den Betrachter an, während das Skelett ihren Kopf in Höhe
seines Beckens hält, sie mit einer Hand stützt, die
andere mit angewinkeltem Arm vor seine Brust hält (vielleicht,
um die dorthin ausgreifende rechte Hand der Frau zu fassen) und
seinen Schädel zur Seite wendet, wie um jenseits des Bildes
einen Helfer oder Rettungsort zu finden.
Die eine oder andere Geste des Knochenmanns ließe sich
so deuten, daß er Mann oder Frau zum Tanz drängt oder
geleitet. Doch auf das Tanzen selbst, im oder gegen den Takt,
weist kein Bildelement hin. Allenfalls aus einer modernen Tanztheater-Aufführung
könnten die Tableaus stammen. Insofern hat Peter Marggraf
Rilkes Gedicht Toten-Tanz, das ihn zu der Grafikfolge
anregte, nicht illustriert. Vielmehr hat er ein Einzelmotiv aus
diesem Gedicht herausgenommen und zu einer eigenen Bilderreihe
um- und ausformuliert. Einem bekannten Totentanzschema zufolge,
das seit dem späten Mittelalter tradiert wird, werden die
Sterblichen, angetan und belastet mit den Kostümen und Insignien
ihres irdischen Standes und Berufs, der Reihe nach vom nackten
oder allenfalls spärlich und spöttisch-nachäfferisch
bekleideten Tod heimgesucht und zum Tanz geholt. Nur ein derart
Aufgeforderter wird mitunter ebenfalls nackt dargestellt: das
Kind, oft an der vorletzten Stelle (vor seiner Mutter) oder ganz
am Ende der Reihe, hilflos, ohne Scham und Schuld und gänzlich
unprätentiös. So sehen wir es etwa auf dem letzten
Holzschnitt des Heidelberger Totentanz-Blockbuchs von 1465. Der
Tod hat das Kind am Arm gepackt und weist ihm mit ausgestreckter
Hand die Tanzrichtung. Mit anmutiger Schrittsetzung wendet es
sich dagegen. Laut dem dazugehörigen, aus der oberdeutschen
Tradition stammenden Text muß es das Tanzen, zumal dasjenige
mit dem Tod, erst noch lernen. Etwa zwanzig Jahre später
brachte der Drucker Heinrich Knoblochtzer den sogenannten mittelrheinischen
Totentanztext heraus, ebenfalls mit Holzschnitten versehen. Auch
hier begegnet uns das Kind nackt, am Handgelenk vom Tod gepackt,
doch steht es steif da und vermag dem zappeligen Knochenmann,
der ein Bein spitz angewinkelt in die Luft hält, kaum Folge
zu leisten. (Beide Szenen sind leicht zugänglich in Der
tanzende Tod. Mittelalterlich Totentänze, herausgegeben,
eingeleitet und übersetzt von Gert Kaiser, Insel-Taschenbuch
647, Frankfurt am Main 1983, S. 328 und 158.)
Rilke hat der Aufforderung zum Tanz die Fortsetzung geschrieben
und den Schreitaufzug, bei dem sich der energische Tod (oder
sein Repräsentant) mit jeweils einem zögerlichen Sterblichen
zu Paaren fügt, in einen schweißtreibenden Paartanz-Ball
verwandelt. Nicht mehr ergreift allein der Tod die mehr oder
weniger Widerstrebenden, sondern auch die Sterbenden fassen ihrerseits
den Partner. Der Tanz ist anstrengend, schweißtreibend.
So wird ihnen die Nacktheit zum Ideal, da sie größere
Ausdauer zu garantieren und es zu erlauben scheint, länger
im Takt zu bleiben. Vor Augen gehalten wird ihnen das nicht mehr
nur von dem Einen, Kleinsten: Die Nacktheit ist im Gedicht nunmehr
das Kennzeichen einer Dreiergruppe. Außer einem Kind sind
auch ein Verrückter und Eine
eine Verrückte? unbekleidet und deshalb vorbildliche
Tänzer. Sie sterben, wie es sein soll: unbeschwert, leichtfüßig.
Es ist ihr Tanz, ihr eigener Tod, sie sterben ihn angemessen,
im Takt. Der Narr gehört im mittelalterlichen und barocken
Totentanz wie das Kind üblicherweise ans Ende der Reihe:
ein geringgeachteter Mensch. Und doch werden gerade mit Kind
und Narr oft naive Einsicht und Wahrhaftigkeit verbunden,
Freiheit von Konventionalität, von Verstellung und falschen
Rücksichten. Indem er noch die Eine hinzugesellt,
schafft Rilke eine potentiell familiäre Gruppe, die beide
Geschlechter und das in mancher Hinsicht vorgeschlechtliche Kind
umfaßt.
Auf Marggrafs Blättern fehlt das Kind, sie beschränken
sich auf das anfänglich-paradiesische Menschenpaar: Mann
und Frau. Doch im Totentanz ist es gar kein Paar, sondern beide
sind jeweils die Hälfte von insgesamt zwei Paaren. Mann
und Frau tanzen nicht miteinander, sondern ein jedes tanzt mit
dem Tod. Statt der biblisch besiegelten geschlechtlichen Einheit
Sie werden EIN Fleisch findet ein jedes
eine andere, laut Rilke: die ächte Ergänzung
im Knochenmann. Einem jeden seinen eigenen Tod!
Ebenfalls ausgeblendet ist hier die Gesellschaft, das Tanzen
unter Gleichen, das Sich-Vergleichen und das Sich-Inszeniert-Sehen:
Was macht der Tod mit der da, wer wird schon müde, wer schwitzt,
wer ist nackt, wer kommt aus dem Takt? Rilke setzt das Moment
der Todesinszenierung sogar doppelt ein: Die Sterbenden bilden
für sich eine Gruppe, tanzen einen Ball, der sie füreinander
gleich macht, präsentieren ihre Schauben
und Hauben und Steine einander und dem Galan
Tod, und: Sie werden als Gruppe beobachtet und beschrieben, jemand
spricht von ihnen in der dritten Person, sie führen für
diesen Beobachter eine Szene auf. Diese Dimension, das Sterben
als Inszenierung, als Geschehen für mich (den Sterbenden)
und die anderen, bleibt bei Marggrafs Blättern geheim. Freilich
ist es der Zeichner, der uns, den Betrachtern, diese Totentanzszenen
vorzeigt. Und es ist wohl undenkbar, daß er sich selbst
da herausgehalten hätte, daß jener Verrückte
nichts mit ihm selbst, dem Zeichner, zu tun hätte. Wer könnte
eine Figur zum Tod ins Verhältnis setzen, ohne sein eigenes
Verhältnis zu demselben ins Spiel zu bringen? Doch der Zeichner
erzählt nicht, kommentiert nicht, äußert keinen
Sarkasmus und rückt nichts zurecht. Kein Zeigefinger.
Auch die Akteure zeigen uns nichts. Es sind eben ein Verrückter
und Eine, die wir hier beim Rendez-vous mit dem Knochenmann
beobachten. Verrückt und entrückt: ganz mit sich und
dem Tanz und womöglich mit dem Galan befaßt,
dem Beobachter aber gleichsam nur zufällig, nur durch eine
unverhoffte Indiskretion in den Blick geraten.
Die Abstraktheit, die karge Linearität der Gestalten nimmt
dieser Indiskretion jedoch alles möglicherweise Peinliche.
In diese Linien können wir uns selbst eintragen, müssen
es unwillkürlich. Eine Gefangennahme, eine Aufforderung
zum Tanz. |