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gedichtet / gezeichnet
Die neue Sammlung Hartmann
Peter Piontek
Für Rilke war es noch selbstverständlich,
seine Gedichte mit der Hand ins Reine zu schreiben und sie in
handgeschriebenen Ab- und Reinschriften zu verbreiten. Die zwei
Generationen jüngere Ingeborg Bachmann dagegen spannte häufig
schon für Entwürfe ein Blatt in Maschine. Für
sie war es selbstverständlich, Gedichte an der Maschine
zu arbeiten. Und wir senden unsere Texte gleich als Datei an
Zeitschriften und Verlage und schicken Freunden Mails und SMS;
die Handschrift ist allenfalls noch gut für Notizen und
Merkzettel.
Da möchte er etwas dagegen wirken, sagt Gerhard
Hartmann. Ihm geht es nicht um Schönschreibübungen,
sondern um die Authentizität des handschriftlichen Ausdrucks.
Auch in ein-, zweihundert Jahren sollen noch Handschriften
in Bibliotheken zu sehen sein, sagt der Sammler. Deshalb
trägt er Autographen zusammen und versucht unermüdlich,
Autoren und Künstler für seine Idee zu gewinnen. Auf
drei Etagen war im September seine Sammlung im Palais Turn und
Taxis in Bregenz zu sehen, darunter Preziosen wie ein Vierzeiler-Selbstporträt
Martin Walsers, illustriert von seiner Tochter Alissa, Gedicht-Abschriften
von der Hand Friederike Mayröckers mit graphischen Blättern
von Wolfgang Stifter (Professor in Linz und Nachfahre des österreichischen
Erzählers) oder Texte auf Deutsch und Japanisch, gedichtet
von Yoko Tawada. Und daneben eine bunte Fülle an Werken
nicht ganz so oder nur regional bekannter Autoren und Künstler,
insgesamt nicht weniger als 150 Paarungen, wie es
in einer Mitteilung der Vorarlberger Landesbibliothek heißt.
Die Ausstellung trug ganz und gar Hartmanns Handschrift,
er hat viel Zeit und auch Mittel investiert, sie konzipiert und
in seinem Karlsruher Domizil vorbereitet, A1-Bogen für A1-Bogen.
Hartmann ist das, was man einen leidenschaftlichen Sammler nennt.
Er frönt dieser Leidenschaft im Verein mit seiner Frau Brigitte
nun schon 35 Jahre. Selbst Gebrauchsgraphiker, begann Hartmann
Ende der 1960er Jahre mit dem Sammeln von Graphik, mit Vorliebe
solcher des Informel. Wer sich einen Eindruck von der Qualität
der inzwischen auf 4.000 Werke angewachsenen Sammlung machen
will, findet eine sehr schöne Dokumentation in einem Katalog
der Städtischen Galerie Albstatt, der 2003 unter dem Titel
Rätselhaft? Informelle Druckgraphik gestern und heute
aus der Sammlung Hartmann erschienen ist. 1994 haben die
Hartmanns ihre Sammlung der Galerie überlassen, damit sie
eine Heimat habe, gepflegt und gezeigt werde.
Ebenso soll jetzt die neue Sammlung Hartmann in Bregenz bleiben.
Und sie wird weiter wachsen. Mappen sollen hinzukommen, mit jeweils
mindestens sieben handschriftlichen Blättern eines Autors
und Zeichnungen eines Künstlers, den der Sammler selbst
aussucht, sofern er nicht auf bereits bestehende Zusammenarbeiten
zurückgreifen kann.
Es gibt bereits erste solcher Mappen: Eine von Karl-Georg Hirsch
illustrierte Handschrift von Kerstin Hensels Gedicht-Sammlung
Freistoss und zwei, an denen Peter Marggraf als Zeichner
beteiligt ist. Er schuf für die Sammlung Hartmann Blätter
zu Venedig-Gedichten von Günter Coufal und er bebilderte
sieben Gedichte von Gerd Kolter. Einen Augenblick Ruhe
heißt die Sammlung nach den Schlußzeilen des Gedichtes
Von den Büchern. 2003 hatte Marggraf den Band
Fallende Handlung von Gerd Kolter in der San Marco
Handpresse herausgebracht, wie bei ihm üblich mit zwei beigelegten
Radierungen.
Für Einen Augenblich Ruhe hat er sieben Blätter
mit dem Graphitstift gezeichnet. Sie sind jeweils einzelnen Gedichtzeilen
zugeordnet, Figuren, die er aus dem Lineament der Zeichnung herausarbeitet,
in ihrer elementar-existentiellen Haltung und Gestik typisch
sind für das zeichnerisch-graphische Werk Marggrafs. Während
er bei der Bebilderung seiner Bücher meist auf Vorhandenes
zurückgreift, Radierungen, die mit den Texten des Autors
korrespondieren, muß er für die Hartmann-Sammlung
Neues schaffen, eine echte Auftragsarbeit, so der
Bildhauer und Büchermacher, also eine Herausforderung, und
so sollen weitere Mappen folgen.
Es ist gut, daß die Sammlung Hartmann in Bregenz einen
festen Platz gefunden hat. Denn das ist eine Referenz, die dem
Sammler sicherlich hilft, der nicht über große Mittel
verfügt, aber über eine gewinnende Art und Beharrlichkeit.
Er steckt voller Pläne, will auch handschriftlich verfaßte
Arbeiten zu bestimmten Themen sammeln wie Raum, Kreuz
oder Freiheit. Im kommenden Jahr wird er 75. So zehn
Jahre wolle er ganz gern noch weitermachen, sagt er.
Die Ausstellung gedichtet/gezeichnet wird bis dahin
hoffentlich auch außerhalb von Bregenz zu sehen sein. Auch
dazu ist ein Katalog erschienen: Gemalte Gedichte. Schriftsteller
und Künstler im Dialog. Die Sammlung Hartmann. Hg. von Jürgen
Thaler und Roger Vorderegger. Mit einem Beitrag von Roger Vorderegger
und einem Interview mit Brigitte und Gerhard Hartmann,
Feldkirch (Neugebauer) 2006.
aus "Berichte aus
der Werkstatt" Ausgabe November 2006
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