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Die
Lieder überm Staub und die Lust des Druckers
Peter Piontek
Die Liebe hat einen Triumph und
der Tod hat einen,
die Zeit und die Zeit danach.
Wir haben keinen.
Nur Sinken um uns von Gestirnen.
Abglanz und schweigen.
Doch das Lied überm Staub danach
wird uns übersteigen.
Wie gemeißelt stehen diese
Zeilen am Ende von Ingeborg Bachmanns Zyklus Lieder auf
der Flucht, 1956 zuerst veröffentlicht in dem Band
Anrufung des Großen Bären. Und wie in
Stein gemeißelt hat sie Peter Marggraf nachgestaltet. 1996
entstand sein Mappenwerk der Lieder auf der Flucht,
großformatige Bleistift-Frot-tagen von kapitalen Holzlettern,
wiesie einst zum Setzen von Überschriften verwendet wurden.
Die wunderbarengroßen Text-Tafeln waren des Druckers erster
Versuch, einen von Kommen-tatoren und Bachmann-Interpreten bislang
wenig beachteten Gedichtzy-klus zu lesen als seien die
Texte Epi-taphe. Und in der Tat wird in den 15 Gedichten der
Triumph des Todes spürbarer als der der Liebe. Gleich das
Eingangsgedicht türmt Bilder der Zerstörung und des
Absterbens auf: Der Palmzweig bricht im Schnee, / die Stiegen
stürzen ein, / die Stadt liegt steif und glänzt / im
fremden Winterschein. Und so geht es fort.
Wir haben die Lyrikerin Ingeborg Bachmann noch lange nicht ausgelesen.
Das haben in den letzten Jahren nicht nur Editionen aus dem Nachlaß
der 1973 ums Leben gekommenen Dichterin gezeigt pünktlich
zum Wettlesen um den Klagenfurter Bachmann-Preis druckte jetzt
wieder die Wiener Li-teratur-Zeitung Volltext eins
ihrer unveröffentlichten Jugendgedichte ab. Und der interessierte
Leser mag sich noch der ZEIT-Debatte zur Edition unveröffentlichter
Gedichte unter dem Titel Ich weiß keine bessere Welt
von vor drei Jahren erinnern. Darf man unautorisierte Texte herausgeben,
die zum Teil kaum mehr sind als erste Notate zu Gedichten, so
lautete damals die Streitfrage.
Man darf und man soll, denn solche Editionen tragen dazu bei,
die Lyrikerin Bachmann wieder und neu zu verstehen, sie gegen
ihre (konservativen) Liebha-ber wie gegen ihre (feministischen)
Kritiker zu verteidigen, welch letztere die Prosa-Autorin gerne
gegen die Dichterin ausgespielt haben. Vor allem Walter Höller
hat in seinen Veröffentlichungen deutlich gemacht, wie sehr
auch die Dichterin von allem Anfang an aus ihrer Zeit heraus
verstanden werden muß, wie sie sich
mit den geschichtlichen Erfahrungen ihrer Generation, mit Faschismus
und Restauration auseinandersetzt. Die To-ten, an mich
gepreßt, / schweigen in allen Zungen, heißt
es im zweiten Gedicht der Lieder auf der Flucht".
Höller verfolgt in seiner 1993 erschie-nenen Monographie
Ingeborg Bach-mann. Das Werk die Erfahrung
der Nachtseite der Geschichte unserer Epoche als Geschichte
im Ich und interpretiert auf dieser Basis auch die utopischen
Bilder im Werk der Dichterin konsequent als Zeichen für
den umfassenden Bruch mit dem Bestehenden.
Man sollte diesen Ansatz im Auge behalten, auch bei der Lektüre
so sperriger und komplexer Gebilde wie der Lieder auf der
Flucht, die von Gedicht zu Gedicht neue Bilder auftürmen,
die von Vergänglichkeit, Erstarren und Tod künden.
Er möge zumindest als Warnung dienen, die Chiffren, in denen
sich das Ich hier ausspricht, nur als Mitteilung privater Not
zu verstehen. Bilder der Erstarrung, das hat Höller deutlich
gemacht, sind im Werk Bachmanns immer auch ein Reflex auf eine
erstarrende Gesellschaft, auf deren restau- rativen Verkrustungen.
Peter Marggraf, der Drucker, liest Bachmann existentiell. Das
jedenfalls legen die Radierungen nahe, die er seiner 2002 erschienenen
Buchfassung des Zyklus beigebunden hat. Die erste Fragment
/ auf ein Tuch gelegt, zeigt einen Schädel, einen
Totenkopf. Es folgen die Blätter Gespinst / dem Engel
Rauch und Gespinst. Jahre nach seiner ersten
Auseinandersetzung mit dem Text ist er noch einmal auf die Lieder
auf der Flucht zurück-gekommen. Es seien nicht selten
einzelne Strophen oder auch nur Sätze, Bilder, die zum Anlaß
zur Beschäftigung mit bestimmten Texten würden, erklärt
er. Und der Drucker, da dürfen wir sicher sein, ist als
Setzer auch ein verläßlicher Vor-Leser. Niemand
hat einen so intensiven Kontakt zum Text, wie ich, wenn ich in
zwei Stunden gerade mal drei Strophen setze, sagt er und
erklärt die Langsamkeit zur unabdingbaren Voraussetzung
der Kunsterfahrung: Das ist für mich das Kriterium:
Wie schnell das heißt: wie langsam sich ein
Werk erschließt. Das ist das letzte Abenteuer. Dabei
fügt er längst nicht mehr Letter um Letter im Handsatz
zusammen. Für ihn begann ein ganz neuer Abschnitt des Büchermachens,als
er 1996 eine fast 70 Jahre alte Lino-type-Setzmaschine günstig
erwerben konn- te und damit unabhängig wurde von einem ein
für alle Mal vorhandenen Buchstaben-Vorrat.
In die Linotype gibt man über eine Schreibmaschinentastatur
zeilenweise Text ein, der dann vermittels Matritzen Buchstabennegativen
in Blei gegossen wird. Das Verfahren revolutionierte Anfang
des 20. Jahrhunderts die Ar-beit der Setzer und war bereits
50 Jahre später, mit der Erfindung des Fotosatzes, so gründlich
überholt wie bald die gesamte Buchdrucktechnik, die sich
doch seit Gutenbergs Zeiten ein paar Jahrhunderte lang ohne we-sentliche
Veränderung erhalten hatte.
Heute bestimmt der Computer und der Offsetdruck auch die Buchherstellung,
Buchdruck bedeutet industrielle Mas­-senproduktion. Nicht
so bei Handpres- sendruckern wie Peter Marggraf. Sie zei-gen,
daß Bücher mehr sein könnnen und sollen als beliebige
Hüllen für mehr oder weniger gewichtige Inhalte. Das
Buch selbst wird zum Kunstobjekt, zumGesamtkunstwerk, durchgestaltet
von der Auswahl des Papiers über den Satz, die Einbeziehung
von Illustrationen bis zum Einband. Und zudem be-wahren die Handpressendrucker
die alten Maschinen davor, zu Alt-Eisen oder bloßen Museumsstücken
zu verkommen. Marggraf druckt auf einem Handtiegel von 1925.
Begonnen hat das Abenteuer des Buchdrucks für den Bildhauer
und Grafiker ganz hand-greiflich: Mit der Künstlern eigenen
Leidenschaft für Materialien und dem Sammeln von Materialien.
Das ist der Reiz des Tuns, das Umgehen mit den Materialien.
Das hat mit den Sinnen zu tun. Die Farbe riechen, das Papier
in die Hand nehmen und auswählen, erklärt der
Drucker. Und als die gewerblichen Druckereien in den 1970/80er
Jahren ihre alten Maschinen und Schriftsätze ausmusterten
und dann noch einmal nach der Wende, als die DDR-Betriebe ihre
Technik umstellten, war es nicht schwer, günstig an Andruckpressen
und Bleischriftensätze heranzukommen.
Freilich, das Drucken und Setzen will gelernt sein. Marggraf
hat sich als Kunststudent natürlich auch mit Drucktechniken
befaßt. Als Buch-drucker ist er Autodidakt. Und um die
Linotype, der das Auto in der Garage seines Bordenauer Hauses
wei- chen mußte, in Betrieb nehmen zu können, brauchte
er denn doch fach- kundigen Rat. Und tatsächlich mach- te
er einen längst im Ruhestandbefindlichen ehemaligen Setzer
aus- findig, der ihm über anfängliche Schwierigkeiten
hinweghalf. Mit der Setzmaschine kam auch der Name: San Marco
Handpresse hat der Ve-nedig-Enthusiast seine Druckerei ge-nannt.
Ein Klischee mit dem Löwen, das er in der alten Buchdruckerstadt
an der Lagune aufgetrieben hat, benutzt er als Signet für
seine Produkte, die alsVerlagsstandort Venezia / Bordenau aus-
weisen.
Mit der Mechanisierung des Satzes wuchs nicht nur die Produktivität,
die Produkte der San Marco Hand-presse erhielten auch ihr unver-wechselbares
Gesicht: Schmale aber großformatige, fadengeheftete Bände
in englischer Broschur, denen immer einige Radierungen beigebunden
sind, verlassen Stück für Stück Marggrafs Werkstatt.
Umfangreichere Werke wie Kafkas Verwandlung oder
Trakls Sebastian im Traum werden in Leinen gebunden.
Die Auflage liegt in der Regel bei rund 23 Stück. Erhalten
hat sich Marggrafs Interesse an Autoren, deren Texte nicht
nur über Befindlichkeiten Auskunft geben, sondern existenziell
etwas mitzuteilen haben, Hilfestellung geben, Ingeborg
Bachmann eben, Kafka, Beckett und immer wieder Trakl. Da setzt
der Drucker fort, was den Bildhauer mit seinen nahezu lebensgroßer
Terracotta-Figuren schon einmal zu bestechenden gestalterischen
Leistungen geführt hat: Die Auseinandersetzung mit der Si-tuation
des Menschen, mit seiner Hinfälligkeit.
Zu den großen Toten hat sich in den vergangenen Jahren
immer wieder einmal ein lebender Autor gesellt. Den Anfang machte
1997 ein Band mit Gedichten Hans Georg Bullas, Flügel
über der Landschaft. Bulla betreut seitdem als Lektor
die sporadisch er-scheinenden Erstveröffentlichungen.So
erschienenen im vergangenen Jahr Hermann Kinders Erzählung
DieForellsche Erkrankung und soeben neue Gedichte
von Johann P. Tammen.
Auch in Kinders Erzählung ist das Generalthema der Tod,
die Forellsche Erkrankung ist eine Krankheit zum Tode (eine ausführliche
Besprechung der Erzählung Kinders von Gerd Kolter findet
sich im Januar-Heft 2003 der Berichte aus der Werkstatt).
Todesvisionen und -ängste durchziehen das Werk des Konstanzer
Autors undLiteraturwissenschaftlers von allem An- fang an. Von
der Liebe erzählt er in seiner jüngsten Prosa so beiläufig
und zart, daß man es beinahe überliest. Hätte
ich nicht jeden Zug sausen lassen sollen, nur diese Hand
halten sollen, mich mit Blindenschriftfingern ihrer Wärme
versichern, ihrer weichen und harten Flächen, ihrer Narben,
ihrer Kuhlenhäutchen, ihrer Verhornungen und Schreibbuckel,
ihrer Nägelmonde, hätte ich sie nicht so festhalten
und nie lassen sollen, wie ich sie früher, wenn auch anders,
in der Erregung festgehalten hatte? So sinniert der alternde
Ich-Erzähler, der mit seiner Frau nur mehr eine immer flüchtiger
werdende Wochenendbeziehung führt, nachdem er sie wieder
einmal in Köln besucht hat.
Peter Marggraf hat sich mittlerweile wieder einem Projekt zugewandt,
das die Verflechtungen von Liebe und Tod in üppigeren Bildern
einfängt Ingeborg Bachmann natürlich. Im Herbst
soll die Anrufung des Großen Bären in
der San Marco Handpresse erscheinen.
aus "Berichte aus
der Werkstatt" Ausgabe September 2003
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