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Auf dem weißen
Blatt ist
keine Zeit zu verlieren
Über die Gartenarbeit von Eva Taylor |
Von Barbara Pumhösel
Die tiefgreifenden
Wurzeln des Meerrettichs gehen weit zurück. Manchmal tauchen
seine breiten Blätter auf, die es, ohne Aufmerksamkeit auf
sich ziehen zu wollen, trotzdem unmöglich machen, ihn nicht
zu erkennen, wildwachsend am Straßen- oder Feldrand, in
einem Eck des Gemüsegartens, in einem Buch oder als Bild
in der Erinnerung. Bereits im Alten Testament, im Buch Exodus,
wird er erwähnt, als eine der bitteren Pflanzen, die
zum symbolischen Gedenken an die Sklaverei in Ägypten
am Vorabend des jüdischen Oster-festes zubereitet werden.
Meerrettich heißt auch ein Gedicht aus dem
jüngsten Buch in deutscher Sprache der Lyrikerin Eva Taylor.
Zwei Seiten vor Meerrettich werden die bitteren Stoffe
bereits erwähnt, in Miran, einem Text, der eine
weitere, mit Geschichten und Geschichte verwobene Pflanze ins
Bild oder Beet bringt. Miran ist allgemein unter
dem Namen Majoran bekannt manchmal auch Kuchelkraut
genannt und wurde schon in der Antike verwendet, um Wein
zu würzen. Nach der griechischen Mythologie ließ Amaracus,
ein Knabe des Königs von Zypern, Cynaras, ein wertvolles
Alabastergefäß, das eine kostbare Salbe enthielt,
fallen. Es zerbrach, und er starb vor Schreck. Die Götter
verwandelten ihn in eine duftende Pflanze, die fortan seinen
Namen trug.
Sowohl Meerrettich, Miran als auch der
sechsteilige Zyklus Gartenarbeit und Texte mit Titeln
wie De rerum natura und Hexeln finden
sich im neuen Lyrikband Eva Taylors, der den Titel Gartenarbeit
trägt. Gartenarbeit ist eine bibliophile Edition,
herausgegeben in einer Reihe von Erstveröffentlichungen
von Hans Georg Bulla, und in dreißig Exem-plaren bei der
San Marco Handpresse erschienen. Die Bücher sind mit einer
Radierung des Künstlers Peter Marggraf ausgestattet, die
den Titel Die Erde berühren trägt.
Eva Taylor schreibt Gedichte und Prosa auf deutsch und italienisch,
ihrem italienischen Gedichtband Ligiene della bocca
ist das Zitat von den drei Herzen vorgestellt (Englisch ist ihre
dritte Alltagssprache): Quintus Ennius tria corda habere
sese dicebat, / quod loqui Graece et Osce et Latine sciret.
Gartenarbeit entfaltet, wie die Kräuter, die
es enthält, gegenpolige, bittere und süße Duft-
und Geschmacksstoffe, die neben Auge und Ohr die restlichen Sinnesorgane
zum Mitlesen einladen (Tastsinn eingeschlossen das von
der San Marco Handpresse verwendete 150gr/qm Bütten kommuniziert
bei jedem Umblättern mit den Fingerkuppen), und mit wechselnden
Synästhesien unterschwellig präsent bleiben, ohne in
den Vordergrund zu treten. Einmal begonnen, ist es kaum möglich,
den Vergleichen Einhalt zu gebieten, die spontan auftauchen:
Das Lesen wird zu einem Hin- und Herschwingen zwischen den Zeilen,
läßt an die gleichmäßigen Bewegungen verschiedener
Gartengeräte denken, auch an das erste erhaltene Dokument
(in Form eines Rätsels) im italienischen Volgare,
das die Verse mit den Furchen vergleicht, und die Feder mit dem
Pflug.
Der Rhythmus ist dennoch kein regelmäßiger, es ist
ein Zögern auszumachen, ein vorsichtiges Freimachen von
Knospen, Wort- und Bildkombinationen, ein Innehalten zwischen
Beet und Gedicht, zwischen Erde und weißem Blatt, zwischen
Tintenblau und Blattgrün. Der ständige Wechsel zwischen
semantischen Wortfeldern, Beeten und Farben, wie die ausgelaufener
Tinte oder verblühter Blumen, wird zu einer natürlichen
Bewegung, die die Gartenlandschaft belebt, die vor dem inneren
Auge des Lesers entsteht. Die Zeit spielt ihre Rolle, hier und
dort, das Wachsen braucht Zeit, Jahreszeiten, welche an Worte
gekoppelt sind, die weiter atmen, weiter arbeiten, an ihren eigenen
Wortbeeten, an den weißen Gartenwegen, auch wenn die ersten
Blätter vertrocknen. Eine Seite vor dem Gedicht Hexeln
taucht die Hexe auf, im letzten Vers, auf einen Gruß wartend
vielleicht, oder auch nicht.
Was haben Gartenarbeit und Gedichteschreiben Gemeinsames? Das
Stetige? Das Staunen? Stimmungen? Das langsame Wachsenlassen,
die ständige Pflege?
Versbeete im Wortgarten, in einer Sprachlandschaft, in der Zeiten
aufeinandertreffen, die zyklische der Jahreszeiten, und die chronologische,
nicht wiederkehrende, die bereits im ersten Gedicht Das
Boot um halb vier auftritt: Einer fährt voraus, definitiv,
ohne die Möglichkeit einer Rückkehr, zwischen
vielen endlichen Zeichen.
Unter dem Titel stehen Initialen und ein Datum, der Leser kann
nicht umhin, das Vorausfahren als ein endgültiges anzusehen:
Einer soll auf dem Boot sein. / Er hält einen Stein
in der Hand. Und er fragt sich, für welche Schwelle
das Blau hier (zweimal, beide Male im Substantiv) wohl als Metapher
steht. Hier werden Übergänge sichtbar gemacht und überschritten,
die nur in eine Richtung und nur einmal begangen werden können.
Die Richtung ist die nach vorne, ist die des Lebens, während
wir das lyrische Ich bei einem Rückblick begleiten.
Das vorletzte Gedicht Weg vom Haus spricht von einer
anderen zusätzlichen Schwelle, ein Überschreiten der
Grenzen, und das letzte Gedicht De rerum natura führt
in ein neues Land, in eine neue Sprache. Schwellen sind Verengungen,
tragen Risiko in sich, manche werden von einer Sphinx bewacht.
Hier ist jeder Schritt wichtig, viel Weiß um die einzelnen
Wörter, Konzentration, wie bei der Arbeit im Garten. Sind
es magische Formeln, mögliche Losungswörter, chiffrierte
Antworten auf die Fragen der Sphinx?
Das lyrische Ich hat ambulante Wurzeln (eine Formulierung, die
der in Luxemburg geborene und in französisch schreibende
Schriftsteller italienischer Herkunft Jean Portante im Zusammenhang
mit Schriftstellern, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben,
gebraucht hat); es wandert durch die Texte, setzt Spitzen an,
seiner Schieferhaut wachsen Schindelblätter, es will sich
in einen Granatapfel verwandeln.
Die Kräuter, die Pflanzen und Blätter des Jetzt stehen
auch für die, die sich in Gedächtnisbilder verwandelt
haben, zu einem Haus gehörten, von dem Mann, Frau und Kind
weg mußten, ein Land suchend hinter den Steinen: ein Wiederaufgreifen
des Ausgangspunktes im vorletzten Gedicht und ein Ankommen im
letzten. Ein Ankommen in der Gegenwart und an einem neuen Ort
mit einer neuen Erde (und einer neuen Sprache), die berührt
werden muß, um Kontakt zu ihr herzustellen, den Boden unter
den Füßen zu spüren. In diesem ständigen
Die-Erde-Berühren, sei es durch die Tendenz hinzufallen,
einfach durch Schritte (es ist doch jeder Schritt ein Kontakt
mit der Erde), durch ein Immer-Weiter-Gehen, Wei-ter-Wandern,
kündigt sich auch die Gegenwart an, Italien, die Toskana
mit ihrer Macchia, Macula, der jetzige Wohnort der Autorin.
Die Syntax, nicht die Sonne, wärmt die Wörter auf.
Ist es eine Wärme, die Nähe gibt, Sinn und Zusammenhang,
oder handelt es sich um ein nochmaliges Aufwärmen von etwas
Abgestandenem? Etwas, das dem einzelnen Wort seine Einmaligkeit
nimmt, seine Besonderheit? Auf den ersten Blick sind es erdverbundene
Gedichte, Gedichte mit Wurzeln, Gedichte, die austreiben, Blätter
ansetzen; und unter dem Grün, kaum bedeckt, zeichnet sich
eine metapoetische, oder metalinguistische Brücke ab, die
weiter führt, oder zurück, manchmal in beide Richtungen
begehbar ist.
Ein Gedicht ist immer auch Resultat eines Erkenntnisprozesses,
etwas auf Papier Festgehaltenes, ein Bild oder Augenblick in
seiner momentanen Form konserviert, hier hebt der Titel das Endgültige
auf: Ein Gartenbeet ist einer kontinuierlichen Veränderung
unterworfen, jedweglicher Blick darauf kann nur einer von vielen
sein. Gartenarbeit ist wie Spracharbeit Suchen
nach Inhalt und Form, Kommunikation mit der Erde, die nicht endet,
solange der Garten existiert.
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