|
STARTSEITE I AKTUELLES I PETER MARGGRAF I SAN MARCO HANDPRESSE I BILDHAUER UND ZEICHNER I VENEDIGPROJEKT I
LINKS

Ihr
müßt alle in dieses Tanzhaus
Eine
Totentanzdarstellung für die Sammlung Hartmann in Bregenz
Wolan wolan ir
herren und knecht
Springet her by von allem geslecht
Wie junck wie alt wie schone ader kruß
Ir mußet alle in diß dantzhus.
(aus dem Totentanz von Heinrich Knoblochtzer)
Von Antonia B.
Uthe
Der Tod hat viele
Namen. Man nennt ihn Den Herrn des Rades. Den Meister der
Brücke. Auch Freund Hein ist gebräuchlich. Sein
wahrer Name wird beschönigt, verhüllt. In Diplomatenkreisen
nennt man ihn Gevatter Tod, behauptet Clemens Umbricht
in seinem Gedicht Totentanz 2006. Bei Umbricht ist
von der Achse des Bösen die Rede, von Folter
gar. Hier drückt der Totentanz nicht mehr nur unversehenes
Sterben aus, sondern scheint machtpolitischem Kalkül unterworfen.
Für die Sammlung Hartmann in der Bregenzer Landesbibliothek
hat Peter Marggraf eine Arbeit zum Motiv des Totentanzes erstellt.
Es handelt sich um eine Mappe, die vierzehn Blätter birgt,
welche der Künstler zu einem sieben Meter langen Leporello
zusammengefügt und gefaltet hat. In acht kolorierten Bleistiftzeichnungen
bringt er verschiedene Varianten der Todesbegegnung zum Ausdruck.
Seinen Zeichnungen auf zwei Blättern vorangestellt ist
Umrichts Gedicht Totentanz 2006, vom Lyriker in roter
Tinte und mit eigener Hand aufgeschrieben. Dabei kommentieren
Marggrafs Abbildungen das Gedicht nicht, eher resultieren sie
aus Assoziationen, die mit den persönlichen Vorstellungen
des Künstlers zu einem eigenständigen Werk verschmelzen.
Eine Art Paarung entsteht, in der die Existenz des
einen das andere beeinflußt und umgekehrt.
Das Sujet des Totentanzes wird seit dem späten Mittelalter
immer wieder aufgegriffen und umgestaltet, um Todes- und Lebens-,
Gesellschafts- und Weltdeutungen zu transportieren und zu spiegeln.
Der Totentanz als Leporello, auf dem unterschiedliche Tanzformationen
gleichzeitig gezeigt werden, spielt mit ursprünglichen Totentanzdarstellungen.
Die ersten Abbildungen, wie der Basler Totentanz
aus dem 15. Jahrhundert, entstanden auf Friedhofsmauern. Sie
galten zunächst als Mahnung zu einem bußfertigen Leben.
Damit der Tod nicht als Gast zur Unzeit komme im
unbußfertigen Moment. Jeweils ein Vertreter der verschiedenen
Stände wird vom Tod in das Tanzhaus geführt.
Das von Pestepidemien, dem schwarzen Tod heimgesuchte
Spätmittelalter, läßt den tanzenden Tod in Gestalt
des Knochenmanns populär werden. Der jähe
Tod, der jeden treffen kann in jedem Moment, ist ständig
präsent und sucht seine Opfer quer durch die Stände.
Gesellschaftliche Verhältnisse geraten ins Wanken, denn
Sterben heißt, die bestehende Gesellschaft, die Ordo, zu
verlassen. Der Totentanz thematisiert nicht mehr nur das Jüngste
Gericht, sondern das individuelle Gericht, das nach dem Tod über
dem Einzelnen abgehalten wird. Dem Tod sind alle gleich.
Du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du
sollst mein Gevattersmann sein, sagt der arme Mann in dem
Grimmschen Märchen Der Gevatter Tod, nachdem
er den Teufel und sogar Gott als Paten abgelehnt hat, weil dieser
nur dem Reichen gäbe und den Armen hungern lasse. Der Totentanz
behält seine Faszination bis in die Gegenwart, wobei seine
didaktischen Funktionen abgelöst werden durch Gesellschaftskritik
oder Gesellschaftssatire. Auch ästhetische Fragen werden
verhandelt. Selbst in einer säkularisierten Gesellschaft
wird der Tod, als eine der großen Sinnfragen der Menschheit,
immer wieder durch moderne Varianten des Totentanzes dargestellt,
wobei sich im Tanzgeschehen seine Unausweichlichkeit und Zwanghaftigkeit
offenbart.
23 Vertreter verschiedener Stände begegnen dem Tod:
In der ersten Zeile seines Totentanz-Gedichts bezieht sich Clemens
Umbricht ausdrücklich auf die 23 Totentanzszenen des Luzerner
Malers Jakob von Wil aus dem frühen 17. Jahrhundert. Doch
sind Umbrichts Protagonisten als Repräsentanten eines bestimmten
Berufsstandes nicht mehr auszumachen. Sie sind beliebig geworden,
austauschbar. Geschäftsleute, die sich zum Stehlunch treffen,
um ihre Geschäfte abzuwickeln oder ihre Zeit in luxuriösen
Wellnesshotels zu vertreiben. Der Tod ist immer einer von ihnen,
einer der die Macht hat, der sofort einen Krieg entfachen
könnte irgendwo in einem anderen Teil der Welt. Das Sterben
ist unsichtbar und anonym geworden. Es findet in den Sterbezimmern
der Krankenhäuser statt oder als Kriegsberichterstattung
vor dem Fernseher. Und mit dem schnellen medialen Tod,
zu Tausenden, läßt sich weltweit
nur schlecht tanzen.
Peter Marggraf nimmt dem Tod diese Beliebigkeit. In seinen Abbildungen
läßt er seine Protagonisten als Individuen dem Tod
unmittelbar gegenübertreten. Der Künstler zeigt fühlende
und leidende Geschöpfe, die den Tanz mit dem Tod wieder
aufnehmen. Ihre Konturen hat er mit dem Bleistift skizzenhaft
festgelegt und mit karminroter Gouachefarbe übermalt. Marggrafs
Figuren tragen keine Attribute, die einen Stand verkörpern,
ja nicht einmal Kleidung. Auch ein räumlicher Kontext fehlt.
Durch den breiten Pinselstrich erhalten ihre Konturen einen Spielraum,
als könnten die Figuren tatsächlich in Bewegung geraten,
um mit dem Tod zu tanzen. Auf der ersten Abbildung nähert
der Tod sich einem Mann, auf der näch-sten ist der Mann
ihm zugeneigt. Seine Hand streift das Bein des Todes, als sei
er neugierig. Das nächste Bild ist um neunzig Grad gekippt.
Der Tod scheint zu unterliegen, macht sich klein; oder er macht
sich breit, will sein Opfer küssen. Eine Frau taucht auf.
Der Tod steht zwischen Mann und Frau, wie zum Gruppenfoto. Einmal
trägt der Tod ein weißes Hemd. Er verbirgt den Menschen
darunter, gleich einer Mutter, die ihr Kind unter ihrem Mantel
zu schützen sucht. Der Körper der Figur scheint sich
aufzulösen, nur ihr Kopf ist noch klar erkennbar.
Die einheitliche Farbgebung, die auch den Raum außerhalb
der Körper skizziert, läßt die Figuren durchlässig
erscheinen, als fände ein Austausch zwischen Innen- und
Außenwelt statt, der die Grenzen verwischt. Obwohl der
Tod den Figuren gegenübersteht, wird der Eindruck vermittelt,
daß der Tanz eher in ihrem Inneren stattfindet. Das Sterben
ist eine persönliche Angelegenheit, die sich nicht in Hospize
und Sterbezimmer verbannen läßt. Dem Tanzhaus kann
eben niemand entkommen.
Clemens Umbricht
TOTENTANZ 2006
... und
unten zerschellt das Gerippe.Goethe, Der Totentanz
1
23 Vertreter
verschiedener Stände begegnen dem Tod.
Sie treffen ihn im Rahmen ihrer Geschäfte
zu einem Stehlunch. Man neigt sich einander
einzeln oder in Gruppen in lockerem Gespräch zu.
Wie mit jedem Präsidenten ist mit ihm nicht zu spaßen;
er könnte sofort einen Krieg entfachen.
2
In Diplomatenkreisen
nennt man ihn Gevatter Tod.
Den Herrn des Rades. Den Meister der Brücke.
In dieser Konstellation vergleichbar mit Freund Hein
von der Achse des Bösen. Dem schönen Jüngling.
Der Sanduhr.
Der Farbe Schwarz. Gemeint ist hier weder der Tod
noch der, der mit ihm tanzt, sondern die Folter.
3
Man trifft sich
in diesem netten Hotel mit fünf Sternen,
trägt gelbe Sonnenbrillen, räkelt sich auf der Chaiselongue
und genießt die Aussicht auf das bleigraue Meer.
Überall ruhige Musik, keinerlei Hektik, alles überlegen
ewig,
die Hölle bis auf weiteres nicht mehr als ein Zeitvertreib
für Leute wie sie, unsterblich und mit Stil.
4
Anderswo, im
Fadenkreuz von Infrarot-Stilleben,
sind die alten Schreckensbilder umso realer
.Wenn das Opfer weiß, was geschehen ist, leuchten die Knochen
bereits hell wie Wüstenstaub. Mit dem schnellen medialen
Tod
läßt sich weltweit nur schlecht tanzen, zu Tausenden,
mit den alten Holzschuhen und der Sense in den Händen.
Anmerkung: Die
Zahl 23 bezieht sich auf die 23 Szenen des Totentanzes des Luzerner
Malers Jakob von Wil (gest. 1618/1619).
|