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DEN
ATEM TAUSCHEN
Ludwig Zerull
Ein Gedicht der
zeitlebens dem Tod ganz nahe stehenden Dichterin Ingeborg Bachmann
steht am Anfang einer Reihe neuer Zeichnungen von Peter Marggraf.
Das einen Jean-Paul Sartre- Titel aufnehmende Gedicht "Das
Spiel ist aus" ist ein langes ganz leichtes Gedicht, so
leicht wie ein Kinderlied, und doch ist es ein Totentanz. Es
endet mit den Zeilen "Vater und Mutter sagen, es geistert
im Haus, wenn wir den Atem tauschen."
"Den Atem tauschen" nennt hiernach Peter Marggraf seine
Zeichnungsserie mit Graphit und Acryl. Blätter, 70x100cm
groß, die jeweils einen filigran gezeichneten Tod in wie
tänzerisch wirkender Weise mit einer Menschenfigur, die
durch den robusteren Strich vielleicht Lebenswillen behauptet,
in Eins zu bringen suchen. Blätter, die das seit Jahrhunderten
in der Kunstgeschichte angeschlagene Thema vom Tanz mit dem Tod
auf ruhige, nahe, keineswegs dramatische Weise variieren. In
Gatow war Marggraf vor zwei Jahren vom Westwendischen Kunstverein
eingeladen, an einer großen Ausstellung "Totentänze
vom Mittelalter bis heute" teilzunehmen. Und schon vor sechs
Jahren hatte der Bildhauer im Auftrag des Kunstvereins Neustadt
an der dortigen Liebfrauenkirche einen zehnteiligen auf Zinkplatten
gezeichneten Totentanz angebracht.
"Den Atem tauschen", die von Ingeborg Bachmann gebrauchte
Metapher für die Nähe, den Kuß, das Verhältnis
mit dem Tod ist schon seit länger als zwanzig Jahren eine
für Peter Marggrafs Skulpturen bezeichnende Haltung im Umgang
dieses Künstlers und der Betrachter mit seinen Werken gewesen.
Denn die aus einzelnen, zusammengefügten Teilen entstandenen
Tonskulpturen ließen bei genauerer Betrachtung in den Details
immer die Deutung als Totes oder als besonderen Beweis des Abdrucks,
der Abnahme von Leben, zu.
Die künstlerische Beschäftigung von Peter Marggraf
mit dem Tod hat keiner besser in Worte gefasst als ein anderer
Dichter, der mit dem Künstler befreundete Hans Georg Bulla
aus der Wedemark. Bulla beschreibt des Künstlers Haltung
wie einen Wiederbelebungsversuch: "Da aber sitzt einer vor
einem Scherbenhaufen und versucht, trotzig und unbeirrbar wie
ein Archäologe, noch einmal eine Figur zusammenzusetzen,
dieses Abbild, diesen Menschen wieder heil und ganz zu machen."
Und resultiert etwas später im Text: "aber er wird
nicht fertig, er kann nicht fertig werden, ein Heilemachen ist
hier und jetzt nicht möglich."
Dieses "Hier und Jetzt", das den Menschen immer wieder,
mag er es mehr oder weniger bewusst erfahren, an den Zeitpunkt
bringt, "den Atem tauschen" zu wollen, zu müssen
- das ist Marggrafs Thema immer gewesen. Für Marggraf gibt
es keinen heilen Menschen, auch keinen "ausgesparten"
Menschen, der in manchen Spielarten von Kunst im letzten Jahrhundert
einfach nicht mehr vorkam, es gibt nur den geschundenen Menschen,
den leidenden, den, der mit dem Tod lebt.
Der Künstler zeigte ihn uns, wenn er teils minutiöse
Abdrücke vom Menschen mit Ergänzungen nach des Menschen
Bild zusammenfügte. Er zeigt ihn uns, wenn er Torsi, ebenso
hilflos wie aufbegehrend, aus Wachs knetet oder in Bronze abgießen
lässt.
Und dabei nützt sicher der Hinweis auf zwei Maler, deren
großartige Werke in den letzten Jahren in viel gesehenen
Ausstellungen neue Bedeutung erlangt haben: Francis Bacon und
Lucian Freud. So, wie sie diesen geschundenen Menschen darzustellen
verstanden, ist für mich die Skulptur von Peter Marggraf
immer noch kongenial.
Dem Künstler ist Venedig bekanntlich zum zweiten Ort seines
Schaffens geworden. Und auch die dort naheliegenden Anspielungen
vom Untergang und vom "Tod in Venedig" außer
acht: Seine dort entstehenden Zeichenbücher und sein Umgang
mit dem Nicht-mehr-Gebrauchten, den alten Druckermaterialien,
mit denen er in Zusammenarbeit mit Schriftstellern großartige
bibiophile Buchwerke herstellt, gehören in den selben Zusammenhang:
der Künstler setzt der "Unmenschlichkeit, die die Vergänglichkeit
immer mehr leugnet", sein "stilles Leben" mit
dem Tod, sein Menschenbild entgegen.
aus "Berichte aus
der Werkstatt" Ausgabe November 2006
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