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     Portrait Friedrich Nietzsche (Foto: unbekannt)

 

Friedrich Nietzsche "Die Sonne sinkt"

 

EINSAM

Einsam durch den düsterblauen,
Nächt’gen Himmel seh ich grelle
Blitze zucken an den Brauen
Schwarzgewölbter Wolkenwelle.
Einsam loht der Stamm der Fichte
Fern an duft’ger Bergeshalde.
Drüber hin im roten Lichte
Zieht der fahle Rauch zum Walde.
In des Himmels fernes Leuchten
Rinnt der Regen zart und leise,
Traurig schaurig, eigner Weise. –

In deinen tränenfeuchten
Augen ruht ein Blick,
Der schmerzlich, herzlich
Dir und mir verwehte Leiden,
Verlorne Stunden und zerronnen Glück
Zurückrief beiden. —

 

Torsten Kantor

Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen geboren. Er wuchs in einem streng protestantischen Pfarrhaus auf, nachdem sein Vater – ein Pastor – früh verstarb. Diese frühe Konfrontation mit Vergänglichkeit und Tod prägte Nietzsches Denken und seine spätere literarische Ausdrucksweise. Schon in jungen Jahren zeigte er außergewöhnliche sprachliche Begabung und ein Gespür für Musik, Philosophie und Dichtung. Nach dem Besuch der berühmten Landesschule Pforta studierte er zunächst Theologie und klassische Philologie in Bonn, wandte sich jedoch bald ganz der Philologie zu und setzte das Studium in Leipzig fort.
Bereits mit 24 Jahren erhielt er eine Professur für klassische Philologie an der Universität Basel – eine außergewöhnliche Auszeichnung für einen so jungen Gelehrten. Doch gesundheitliche Probleme zwangen ihn 1879, die Professur aufzugeben. In den folgenden Jahren lebte er zurückgezogen, oft in den Alpen oder in Norditalien, wo er sich ganz dem Schreiben widmete. 1889 erlitt Nietzsche in Turin einen psychischen Zusammenbruch, von dem er sich nie erholte. Die letzten elf Jahre seines Lebens verbrachte er geistig umnachtet, gepflegt von seiner Mutter und später von seiner Schwester Elisabeth. Er starb am 25. August 1900 in Weimar.
Nietzsche ist vor allem als Philosoph bekannt, doch seine dichterischen Werke – etwa die Sammlung „Dionysos-Dithyramben“ oder die poetischen Passagen in „Also sprach Zarathustra“ – zeigen eine andere Seite seines Schaffens. In seinen Gedichten verdichten sich Gedanken, Empfindungen und Visionen zu einer Sprache voller musikalischer Rhythmik und bildhafter Intensität.
Die Stimmungen in Nietzsches Lyrik schwanken zwischen ekstatischer Lebensbejahung und schmerzvoller Einsamkeit. Manche Verse sind von einem fast rauschhaften Triumphgefühl durchdrungen, das an antike Festgesänge erinnert: Hier besingt Nietzsche das Leben, den Mut und den schöpferischen Geist. Diese dionysische Heiterkeit wirkt wie ein Ausbruch aus allen Grenzen, getragen vom Wunsch nach Selbstüberwindung.
Daneben gibt es jedoch eine ganz andere Tonlage: eine dunkle, melancholische Grundstimmung, in der Einsamkeit, Vergänglichkeit und existentielle Kälte vorherrschen. Gerade in diesen stillen, oft fragmentarischen Gedichten spürt man den Schmerz eines Menschen, der zwar nach dem Übermenschlichen strebt, sich aber zugleich tief der eigenen Verletzlichkeit bewußt ist.
Nietzsches Gedichte sind keine bloße
Nebenbeschäftigung, sondern Teil seines philosophischen Gesamtwerks. Sie sind Ausdruck einer Persönlichkeit, die zwischen Rausch und Abgrund schwankte, zwischen übermütiger Selbstbehauptung und tiefster Vereinsamung. Die wechselnden Stimmungen seiner Lyrik – von triumphierender Lebensbejahung bis zu bitterer Resignation – machen sie zu einem unmittelbaren, oft schonungslosen Einblick in sein innerstes Erleben.

 

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