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     Portrait Bettina von Arnim (Urheber unbekannt)

 

Bettina von Arnim "Alle Winde schweigen"

 

Bettina von Arnim


WER SICH DER EINSAMKEIT ERGIBT


„Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und läßt ihn seiner Pein.“

Wer sich dem Weltgewühl ergibt,
Der ist zwar nie allein.
Doch was er lebt und was er liebt,
Es wird wohl nimmer sein.

Nur wer der Muse hin sich gibt,
Der weilet gern allein,
Er ahnt, daß sie ihn wieder liebt,
Von ihm geliebt will sein.

Sie kränzt den Becher und Altar,
Vergöttlicht Lust und Pein.
Was sie ihm gibt, es ist so wahr,
Gewährt ein ewig Sein.

Es blühet hell in seiner Brust
Der Lebensflamme Schein.
Im Himmlischen ist ihm bewußt
Das reine irdsche Sein.


 

Torsten Kantor

Bettina von Arnim, geborene Brentano (1785–1859). Sie entstammte einer gebildeten, künstlerisch geprägten Familie: Ihre Mutter Maximiliane Brentano war mit Goethe bekannt, ihr Bruder Clemens Brentano zählte zu den bekanntesten Romantikern, und ihre Schwester Gunda war mit dem Dichter Achim von Arnim verheiratet. Bettina selbst heiratete 1811 ebenfalls Achim von Arnim, mit dem sie sieben Kinder hatte.
Schon in jungen Jahren zeigte sich Bettinas literarische und musikalische Begabung. Sie wurde geprägt durch ihre Kontakte zu großen Gestalten der Zeit – neben Goethe auch Karoline von Günderrode, deren tragisches Schicksal Bettina tief bewegte. Sie pflegte einen regen Briefwechsel, aus dem einige ihrer bekanntesten Werke hervorgingen, etwa „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ (1835), das eine Mischung aus realer Korrespondenz und poetischer Gestaltung darstellt. Ihr Werk ist oft schwer klar in literarische Gattungen einzuordnen: Es bewegt sich zwischen autobiografischem Schreiben, Briefroman, lyrischen Einlagen und kulturpolitischem Kommentar.
In ihren Gedichten offenbart Bettina von Arnim eine reiche Palette an Stimmungen, die oft aus intensiver Innerlichkeit heraus entstehen. Eine vorherrschende Stimmung ist die schwärmerische Begeisterung – geprägt von übersprudelnder Fantasie, idealistischer Liebe und dem Streben nach geistiger Freiheit. Ihre Sprache ist oft von einer fast musikalischen Leichtigkeit durchzogen, als wolle sie die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit auflösen.
Daneben finden sich in ihren lyrischen Passagen auch melancholische Töne, insbesondere in Bezug auf unerfüllte Liebe, Vergänglichkeit und gesellschaftliche Ungerechtigkeit. Diese Melancholie ist jedoch selten von Resignation geprägt; vielmehr strahlt sie eine innere Energie und Widerständigkeit aus. Bettina von Arnim verband in ihren Gedichten oft zarte, empfindsame Naturbilder mit leidenschaftlicher Subjektivität. So entsteht eine Spannung zwischen heiterer Versunkenheit in die Schönheit der Welt und einem kritischen Bewußtsein für ihre Härten.
Besonders in späteren Werken treten kämpferische Stimmungen hinzu. Bettina setzte sich für soziale Reformen ein, etwa in „Dies Buch gehört dem König“ (1843), das als mutiger politischer Appell gegen Armut und Unterdrückung gelesen werden kann. Auch wenn dies kein reines Gedichtwerk ist, spiegeln sich ähnliche kämpferische Untertöne in manchen ihrer poetischen Texte wider: Hoffnung auf Veränderung, moralischer Ernst und die Überzeugung, daß Kunst ein Werkzeug gesellschaftlicher Erneuerung sein kann.
Bettina von Arnims Werk steht damit exemplarisch für die romantische Verbindung von subjektivem Empfinden, Natur- und Liebeslyrik mit einer geistigen und politischen Haltung. Ihre Gedichte sind niemals rein dekorativ oder bloß sentimentale Schwärmereien – sie sind Ausdruck einer intensiven, oft unruhigen Seele, die nach Harmonie strebt, aber die Widersprüche der Welt nicht verschweigt.
Bettina von Arnim verkörpert die romantische Dichterin, die ihr persönliches Leben, ihre Leidenschaften und ihre gesellschaftlichen Überzeugungen untrennbar miteinander verknüpft. In ihren Gedichten spiegeln sich heitere, schwärmerische, aber auch nachdenklich-melancholische und kämpferische Stimmungen wider. Dieses Spannungsfeld macht ihre Lyrik bis heute lebendig und unverwechselbar.

 

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