STARTSEITE  AKTUELLES  I  PETER MARGGRAF  I  BILDHAUER UND ZEICHNER  I  SAN MARCO HANDPRESSE  I  VENEDIGPROJEKT  I  I LIBRI BIANCHI   KONTAKT

 

 

Dieses heimliche Lachen unter dem Herzen
Zur Gedichtsammlung „Venedig hieß es“ von Anna Maria Carpi

 


Barbara Pumhösel

Manchmal hält die Zeit inne, nimmt Gestalt an und findet sich gemeinsam mit einem lyrischen Ich der italienischen Dichterin Anna Maria Carpi im Zuhörerkreis eines Geschichtenerzählers aus Marrakesch. Die erzählende Stimme sucht ein Ziel, ein Ohr, Zuhörer – und im Kreis um den Geschichtenerzähler wird das lyrische Ich zum „wir“: und die Zeit hat sich mitten unter uns gesetzt / und hört zu.
Anna Maria Carpi ist Übersetzerin und Herausgeberin der Gedichte von Nietzsche, Benn, H. M. Enzensberger, Heiner Müller, Durs Grünbein und Michael Krüger. Sie lehrte deutsche Literatur an der Universität Venedig. Venedig hieß es lautet auch der Titel des in der San Marco Handpresse veröffentlichten bibliophilen Gedichtbandes. Die zweisprachige Ausgabe – die Übertragung aus dem Italienischen ist von Eva Taylor – erscheint in einer Reihe von Erstveröffentlichungen, die in loser Folge von Hans Georg Bulla für die San Marco Handpresse lektoriert und herausgegeben werden. Venedig ist spürbar in und zwischen den Versen, in den Farben des Einbands, den Linien der auf dem Frontispiz reproduzierten Bleistiftzeichnung „Santa Maria Gloriosa dei Frari“ und der Radierung „Madonna dell’orto“ von Peter Marggraf.
Die Rillen im Bugra-Bütten des Schutzumschlags – ein warmer Terrakotta-Ton, je nach Lichteinfall oder Schatten gebrochen oder mit einer Nuance Altrosa – verursachen schon beim Anblick ein Kribbeln in den Fingerkuppen, der Tastsinn verselbständigt sich, und die Frage taucht auf nach der Farbe der Dächer Venedigs.
Die Autorin präsentiert Bekanntes, Sicherheit gebende Bilder – aus dem Alltag, ein Essen mit Freunden, eine Cello-Sonate von Bach, der abendliche Drink, der einen Hauch von Analgesie verspricht – trotzdem strafft sich das Spannungsfeld und auf einmal finden wir uns auf der anderen Seite der Achse, das Gewicht wechselt, ein Oszillieren auf der Suche nach Gleichgewicht? Etwas bereits vorher Fühlbares schwingt schneller. Das lyrische Ich inszeniert Ablenkungsmanöver – die Präsenz von Körpern, das Trost verleihende Umgebensein von Artgenossen, von denen man nichts weiß, sich aber viel vorstellen kann – und demontiert sie ein paar Verse später, manchmal schon im darauffolgenden. Denn Körper haben ein Verfalldatum, Körper haben Augen: E dopo e dopo e dopo? / Dove guardano tutti questi occhi? – Und dann und dann und dann? / Wohin schauen alle diese Augen? Und der Blick muß klar bleiben, auf das Essenzielle gerichtet, auf Fragen ohne Antwort. Oder auf eine einzige, ganz bestimmte Antwort?
Die Zeit geht weiter, ihrem Ziel zu, mit der Gewißheit, daß kein Neuanfang möglich ist, das Leben nur einmal gelebt werden kann.
Es ist ein Gehen in Versen, das weiß wohin, die herbeizitierten Illusionen schaffen es nicht, den Schritt in die Irre zu leiten, die Sicht zu trüben.
In Schnee und Eis heute nacht auf den Straßen wird im ersten Vers Normalität manifestiert, die sich im darauffolgenden schon als Schein herausstellt.
Die letzten Verse lauten in der Übersetzung Eva Taylors, die in Italien lebt und gleichfalls Lyrikerin ist, so: alle sind glücklich, / sind geschützt vor der Zeit heute abend, / Bekannte und Unbekannte / klammern sich / an das glühende Gitter des Glücks.
Etwas unheimlich mutet dieses Glück an, es trägt die Erwartung, den Keim einer Gefahr in sich. Dank der gelungenen Übertragung der Alliterationen (und des Oxymorons) sind die Stäbe auch im Deutschen zu spüren – die Finger wundern sich fast, daß keine Brandwunden sichtbar werden. Hier ist sie wieder, die Zeit, eine Bedrohung, die jedoch draußen im Dunkeln bleiben muß, zumindest für die Dauer eines Gedichtes.
Und trotzdem klingt mir beim letzten Umblättern das Echo eines anderen, ein paar Gedichte früher gelesenen Verses in den Ohren, er hat etwas Abschließendes und gleichzeitig innerlich Glitzerndes an sich – „dieses heimliche Lachen unter dem Herzen.“

 

 

Mehr Informationen zu dem Buch "Venedig hieß es" finden Sie hier



Sie können über die E-mail Adresse oder per Post Bücher bei der San Marco Handpresse bestellen und bekommen dann eine Rechnung zugeschickt. Nach Eingang des Rechnungsbetrages erhalten Sie umgehend in stabiler Verpackung die gewünschten Bücher oder Mappen versichert zugesandt. Möchten Sie weitere Informationen, oder möchten Sie uns etwas mitteilen, benutzen Sie unsere Kontaktmöglichkeiten 

SAN MARCO HANDPRESSE. Peter Marggraf. Im Winkel 5. D-31535 Neustadt. Telefon: +49 (0)5032 / 7936. Mail: p.marggraf@t-online.de