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Zwei Seiten aus dem Buch "Hans Georg Bulla. Chaussee unter Wolken" I
libri bianchi Band 49 |
Ruhige Landschaften, bewegte Körper
Gedichte von Hans Georg Bulla
und Zeichnungen von Peter Marggraf
Gerd Kolter
Wir sind auf dem Land – wie
erwartet; wir folgen dem fast durchgängig ruhigen, unaufgeregten Duktus der
Gedichte von Hans Georg Bulla, wie wir ihn kennen: In wenigen Strichen
werden Wahrnehmungen aufgezeichnet, Bildelemente zu einem Stilleben
zusammengesetzt, so wie etwa in dem Gedicht, auf das sich der Titel des
neuen Bandes bezieht: Kühe, ein Gehöft, eine ruhige Chaussee, Wolken –
scheinbar eine pastorale Idylle. Wären da nicht kleine Stolperworte für uns,
die sich das nehmen, was Gedichte beim Lesen (und beim Schreiben!) brauchen,
nämlich Zeit. Fast unverdächtig noch, zu lesen, daß das Gehöft „allein“
gelegen ist, aber daß die Wolken zu „Heerhaufen“ sich auseinanderziehen und
die Landstraße beschatten, das schreckt aus dem harmonischen Bild auf. Hier
sind es im wahrsten Sinne des Wortes atmosphärische „Störungen“, die auf
Gefährdungen eines friedlichen Eindrucks verweisen, in anderen Texten werden
die Irritationen bedrohlicher, zum Beispiel während einer Bootsfahrt: „dann
tauchte der graue / Bug auf, teilte das Wasser, / den Nachen und uns.“ Oder
ganz real und konkret am Abend eines Treffens von Jugendlichen am Baggersee:
„Einer ging noch einmal / um den See und kam nicht wieder.“ Bei wenigen
Gedichten ist die Aufregung, die Aufgeregtheit von Anfang an konstitutiv:
Im Juli
Eine Schleppe aus Lärm zieht über den Garten, ein
Hubschrauber folgt der Sirene. Die Katze streicht langsam an den
gestapelten Brettern vorbei in ihr Versteck. Die Bäume fiebern in
der Mittagshitze, ein Vogel fliegt gegen das blinkende Fenster in
ein gläsernes Feuer.
Das Gedicht läuft aus den Anfängen des
schmerzhaften Lärms über die Fieberhitze konsequent auf das für den Vogel
wahrscheinlich tödliche Feuer des Fensters zu, ein Feuer, das vielleicht
schon in realer Form Ursache der Sirene und des Hubschraubers war. Nur der
vertraute Ruhepol der Bullaschen Gedichte, die leitmotivisch erscheinende
Katze, läßt sich nicht groß beirren, ist zwar vorsichtig, aber beeilt sich
nicht in ihrem Rückzug. Abgesehen vom Zeilensprung setzt Bulla stärkere
Strukturierungen durch die lyrische Formensprache selten ein, wie etwa in
den folgenden Zeilen: „Und blüht die Rose / wie eine Rose / liegt der Garten
/ hinter einer Mauer / gehe ich wie ich gehe …“. Der dichte Eindruck
entsteht sonst eher durch Verknappung, durch die Konzentration auf wenige
Bildelemente. Schon oben war von Jugenderinnerungen in einem Text die
Rede, aber das Heraufbeschwören der Vergangenheit, insbesondere der
Kindheit, nimmt insgesamt in diesem Band einen großen Stellenwert ein, und
auch das ist uns Lesern vertraut, besonders in Bezug auf das Verhältnis von
Vater und Sohn – so wörtlich auch der Titel eines Gedichts. Legt man den
Band kurz zur Seite und versucht sich zu erinnern, was aus diesen Gedichten
im Kopf geblieben ist, kommen „leichte“ Wörter in den Sinn: Vogel, leuchten,
bunt, Himmel, Seele … Verluste werden deutlich, eine leise Melancholie
spürbar. Das hat aber nichts mit Verklärung zu tun, es ist der Trost, es ist
die Lebendigkeit der Bilder, die uns nicht genommen werden können, solange
wir die Kraft haben sie zu beschwören. Die Erinnerung kann sich dabei
fokussieren auf den letzten Geburtstagswunsch des Vaters, einen großen,
leuchtenden Globus: „Seine Hände will er / einmal um die Kugel legen / und
die Naht spüren, die / die Hälften zusammenhält.“ Die ganze Erfahrungswelt
noch einmal zusammengehalten vor dem endgültigen Abschied, das bleibt als
Symbolbild ebenso im Gedächtnis wie die „Reise und Rückkehr“ des
Eisenbahners, denn der „hört nicht auf / Abschied zu nehmen.“ Wieder anders
wird die Mutter ins Bild gesetzt, etwa in einer typischen
Wiedererkennungsgeste: „die Mutter wie immer / in der Tür, / hebt schwer /
die Hand, dann streicht sie / sich durch das Gesicht / und die Spinnweben in
ihren Haaren.“ Erinnerung oder Gegenwart – die Gedichte adressieren ihre
Leser nicht explizit, sie tuschen Miniaturen hin, Einladungen zur
Wahrnehmung von scheinbar Vertrautem, das sonst allzu leicht mit uns im
Zeitfluß dahintreibt. Kontrapunktisch dazu, und das ist eine Überraschung,
hat Peter Marggraf seine Aktzeichnungen gesetzt: keine breiten Umrisslinien
bei den figürlichen Darstellungen, sondern auch in der Mimik mit feinem
Bleistift detailliert ausgeführte „Bewegte Körper“. Schon auf dem Cover
springt im wahrsten Sinne des Wortes ein männlicher Akt ins Auge, Arme und
Beine in dynamischer Laufbewegung. Ein Blick in Marggrafs Hinweise vor den
Zeichnungen am Ende des Bandes hilft weiter; darin stellt er den Bezug zum
Butoh her, einer besonderen Form des zeitgenössischen japanischen
Tanztheaters. Beim Butoh geht es dem Tänzer nicht um eine perfekte Umsetzung
bzw. Variation vorgegebener Grundpositionen wie beim klassischen Ballett
oder um ergonomisch optimierte, zielgerichtete Bewegungen wie beim Sport,
sondern um einen radikal expressiven Ausdruckstanz bis hin zu schmerzhaften
Verrenkungen, um das quälerische und quälende Innenleben sichtbar zu machen.
Marggraf erfaßt in seinen Zeichnungen beide Bedeutungen von „bewegt“:
die im Wesentlichen von Armen und Beinen bestimmte Bewegung des Körpers
ebenso wie die innere Bewegung, die sich neben der Körperhaltung vor allem
in der Mimik ausdrückt. Auch hier kommen dabei en face oder im Halbprofil
besonders Schmerzempfindungen zum Ausdruck. Verstärkt wird der intensive
Eindruck auf den Betrachter dadurch, daß manche Körper diagonal das Blatt
durchschneiden, bei anderen wiederum ragen die Extremitäten über den
gewählten Ausschnitt hinaus, verlassen sozusagen das Festhalten in der
Anschauung. Es ist immer ein und dieselbe männliche Figur, mit der wir
konfrontiert werden. Gerade dadurch, daß sie in Peter Marggrafs Darstellung
nicht wuchtig und in greller Farbe ihr Innerstes nach Außen kehrt, sondern
gefaßt in feinen Linien, wird deutlich, daß da etwas Unberechenbares mit
aller Macht nach Draußen will. Parallel dazu erkennen wir im Tanz des Butoh
die nur scheinbare Paradoxie, daß die tänzerische Darstellung der inneren
Wildheit absolute Körper-Beherrschung erfordert.
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SAN MARCO HANDPRESSE. Peter
Marggraf. Im Winkel 5. D-31535 Neustadt. Telefon: +49 (0)5032 / 7936. Mail:
p.marggraf@t-online.de
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