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"Vögel der Seele". Zwei Tuschezeichnungen von Peter Marggraf aus dem Buch "Rainer Maria Rilke. Duineser Elegien", 2025, 25 x 19 cm

 

 

 

I libri bianchi Band 73
Rainer Maria Rilke

DUINESER ELEGIEN
Tuschezeichnungen von Peter Marggraf

 

  

Torsten Kantor

 

Die Duineser Elegien Rainer Maria Rilkes gehören zu den großen Klagegedichten der neueren Dichtung, obgleich ihre Klage nicht unmittelbar aus persönlichem Leid hervorgeht, sondern aus einer tieferen, existentiellen Erschütterung des Menschen in der Welt. Sie sind kein Wehgeschrei, sondern ein langes, tastendes Rufen, gerichtet an das Unsichtbare, an das Unverfügbare, an jene Mächte, die jenseits des Menschlichen stehen und es doch durchdringen. In diesem Sinne sind sie weniger Ausdruck einer einzelnen Stimme als vielmehr Resonanzraum einer allgemeinen menschlichen Verlassenheit.

Schon der berühmte Anfang der ersten Elegie setzt den Ton der Klage: das Rufen, das unbeantwortet bleibt. Der Mensch steht hier als ein Wesen, das zwar sprechen kann, dessen Stimme jedoch im Unendlichen verhallt. Die Elegien beklagen nicht nur das Leiden, sondern die grundsätzliche Unfähigkeit des Menschen, im Ganzen gehört zu werden. Klage wird bei Rilke nicht zur Anklage, sondern zur Erkenntnisform. Sie ist ein Mittel, das Dasein auszuhalten, indem es ausgesprochen wird.

In dieser Klage erscheinen die Engel als zentrale Gestalten. Doch sind sie keine tröstenden Boten im christlichen Sinne, keine milden Wächter oder himmlischen Begleiter. Rilkes Engel sind schrecklich, ja überwältigend. „Ein jeder Engel ist schrecklich“ – dieser Satz markirt einen Wendepunkt im traditionellen Engelbild. Der Engel verkörpert nicht Nähe, sondern Distanz; nicht Schutz, sondern Maßlosigkeit. Er steht für eine Daseinsform, die das Menschliche übersteigt und es gerade dadurch in seiner Begrenztheit sichtbar macht.

Die Engel der Duineser Elegien sind Wesen reiner Intensität. In ihnen ist nichts Vergängliches, nichts Abgebrochenes, nichts Unfertiges. Gerade deshalb sind sie für den Menschen unerträglich. Denn der Mensch ist auf Zeit, auf Verlust, auf Erinnerung hin geschaffen. Seine Schönheit ist eine vorübergehende, seine Erfahrung eine fragmentarische. Der Engel dagegen kennt kein Zögern, kein Altern, kein Vergehen. Er ist vollendet – und eben darum dem Menschen fremd.

Die Klage der Elegien richtet sich nicht gegen die Engel, sondern an ihnen vorbei. Sie sind Spiegel, in denen der Mensch seine eigene Unzulänglichkeit erkennt. Indem der Mensch den Engel anruft, erkennt er zugleich, daß er ihm nicht entsprechen kann. Die Klage wird so zu einer Grenzerfahrung: sie führt den Menschen an den Rand dessen, was er zu fassen vermag, und läßt ihn dort verweilen, ohne Auflösung.

Zugleich sind die Engel Träger einer höheren Ordnung, die sich der menschlichen Sprache entzieht. Sie stehen für ein Sein, das nicht auf Besitz, nicht auf Zweck, nicht auf Dauer angelegt ist. In ihrer Nähe zerfallen die menschlichen Kategorien von Nutzen und Erfolg. Die Elegien beklagen die moderne Entfremdung, das Verlorengehen der Dinge in der bloßen Funktion. Dem Engel ist die Welt nicht Objekt, sondern Durchgang. Er verweilt nicht, er betrachtet nicht – er ist.

Diese Engel sind nicht fern im räumlichen Sinne, sondern im ontologischen. Sie umgeben den Menschen, ohne ihm zugänglich zu sein. Darin liegt ihre eigenthümliche Tragik: sie sind anwesend und doch unerreichbar. Die Klage der Elegien ist daher auch eine Klage über die verlorene Einheit von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Leben und Sinn. Der Mensch ahnt das Ganze, kann es aber nicht halten.

In den späteren Elegien tritt neben die Engel die Gestalt des Toten, des Liebenden, des Kindes. Diese Figuren bilden Gegenpole zur Engelwelt. Sie sind unvollkommen, verletzlich, zeitlich – und gerade darin wertvoll. Rilkes Klage ist nicht nihilistisch. Sie mündet nicht in Verzweiflung, sondern in eine leise Bejahung des Irdischen. Das Vergängliche wird nicht überwunden, sondern anerkannt. Der Mensch soll nicht Engel werden, sondern Mensch bleiben.

Die Engel erscheinen so als Prüfstein des Menschlichen. Sie fordern nicht Nachahmung, sondern Erkenntnis. In ihrem Angesicht lernt der Mensch, daß seine Aufgabe nicht Vollkommenheit ist, sondern Erfahrung. Die Klage verwandelt sich an dieser Stelle in Zustimmung: zum Schmerz, zur Liebe, zum Verlust. Alles, was vergeht, wird nicht entwertet, sondern vertieft.

In diesem geistigen Raum bewegen sich auch die Federzeichnungen Peter Marggrafs, die im Winter 2025/26 zu den zehn Elegien entstanden sind. Vierzehn Tuschezeichnungen, mit der Feder und schwarzer Tusche auf Zerkall-Bütten ausgeführt, bilden eine stille, bildnerische Entsprechung zu Rilkes Text. Mit ihrem einheitlichen Format von 18,5 × 25 cm wirken die Blätter wie Seiten eines nicht geschriebenen Buches, wie visuelle Meditationen, die sich dem Wort anschließen, ohne es zu erklären.

Die Zeichnungen zum Thema „Vögel der Seele“ stammen aus einer Serie, die Marggraf den Engeln der Duineser Elegien gewidmet hat. Doch sind diese Engel nicht als feste Gestalten faßbar. Sie erscheinen vielmehr als Übergangswesen, als Figuren im Schwebezustand zwischen Mensch, Thier und Idee. Der Künstler vermeidet jede eindeutige Ikonographie. Flügel sind angedeutet, Körper lösen sich auf, Linien verdichten sich und brechen wieder ab. Die Gestalt entsteht aus der Bewegung der Feder und bleibt zugleich offen.

Gerade hierin liegt die Nähe zu Rilkes Engelbild. Wie die Engel der Elegien sind auch Marggrafs Figuren nicht beruhigend. Sie besitzen keine abgeschlossene Form, keine ruhige Statik. Ihre Körper scheinen im Werden begriffen, als hätten sie keinen festen Ort im Raum. Sie sind weder ganz anwesend noch abwesend, sondern erscheinen wie Durchgänge, wie Verkörperungen innerer Regung. Der Vogel wird dabei zum zentralen Symbol.

Der Vogel ist in Marggrafs Zeichnungen kein naturalistisches Motiv. Er ist Sinnbild einer seelischen Bewegung. Als Wesen der Luft entzieht er sich der Schwere des Irdischen, ohne sie ganz zu verlassen. Er ist gebunden an den Körper und doch auf den Flug hin geschaffen. In dieser Ambivalenz spiegelt sich die menschliche Seele, wie sie in den Elegien erscheint: gebunden an Zeit und Körper, doch offen für das Unsichtbare.

Die „Vögel der Seele“ lassen sich daher als bildnerische Übersetzung der Klage lesen. Sie schreien nicht, sie flattern nicht aufgeregt, sondern verharren in einer gespannten Ruhe. Die Linienführung ist sparsam, oft zögernd, dann wieder entschieden. Die schwarze Tusche setzt klare Akzente, doch bleibt viel Weiß des Büttenpapiers unberührt. Dieses Weiß ist nicht leer, sondern trägt die Zeichnung, wie das Schweigen das Wort trägt.

Marggrafs Feder ist nicht beschreibend, sondern suchend. Sie tastet die Form ab, läßt sie entstehen und wieder verschwinden. So wie Rilkes Sprache die Engel umkreist, ohne sie festzulegen, so umkreisen diese Zeichnungen ihre Gestalten. Der Betrachter ist gezwungen, die Lücken mitzudenken, die Andeutungen fortzusetzen. Sehen wird hier zu einer inneren Tätigkeit.

In der Verbindung von Vogel und Engel wird ein Gedanke der Elegien besonders deutlich: daß der Mensch nicht zur Vollkommenheit berufen ist, sondern zur Erfahrung. Die Engel sind vollkommen und darum unerreichbar; die Vögel der Seele hingegen stehen für Bewegung, für Wandel, für das unaufhörliche Unterwegssein. Sie sind keine Erlöser, sondern Begleiter der Klage. Ihre Schönheit liegt nicht in der Vollendung, sondern in der Spannung.

So treten Wort und Bild in einen stillen Dialog. Die Zeichnungen illustrieren die Duineser Elegien nicht im herkömmlichen Sinne. Sie legen keine Deutung fest, sie liefern keine Erklärung. Vielmehr schaffen sie einen Raum, in dem Rilkes Klage weiterklingen kann. Die Engel bleiben schrecklich, die Seele bleibt verletzlich, der Flug bleibt unsicher.

In dieser Zurückhaltung liegt die Stärke der Arbeiten. Marggraf zwingt dem Text keine Bilder auf, sondern läßt sich von dessen Grundstimmung leiten. Die Federzeichnungen sind von einer ernsten Konzentration getragen, die der Dichtung entspricht. Sie sind weder dekorativ noch dramatisch, sondern von einer stillen Intensität, die den Blick nach innen lenkt.

So werden die „Vögel der Seele“ zu einer bildnerischen Meditation über das Menschliche im Angesicht des Unendlichen. Sie halten die Klage offen, ohne sie zu verneinen. Sie geben dem Unsagbaren eine vorsichtige Gestalt, wissend, daß jede Form nur vorläufig sein kann. In dieser Offenheit begegnen sich Rilkes Wort und Marggrafs Linie als zwei Ausdrucksweisen derselben existentiellen Erfahrung: der Erfahrung, Mensch zu sein, zwischen Erde und Himmel, zwischen Klage und Zustimmung, zwischen Schwere und Flug.


 


Mehr Informationen zum Buch "Duineser Elegien" finden Sie hier
 

 

 


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